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Gesellschaft für Lothringische Geschichte und
Altertumskunde
D AS PASS 18 et ZWEITER JAHRGANG 1990.
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ANNUAIRE
DE LA
SOCIETE D'HISTOIRE ET D'ARCHÉOLOGIE LORRAINE
DEUXIÈME ANNÉE
1890.
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Gesellschaft für Lothringische Geschichte und
Altertumskunde
= Zweiter Jahrgang =
Inhaltsübersicht. — Table des matières.
Lothringen und Burgund. Oberlehrer Dr. Heinrich Witte, Hagenau .
Die germanischen Bestandteile des Patois-messin. Gymnasiallehrer Dr. J. Graf, Montignv-Metz. il
Die ehemalige Deutschordenskapelle in Hundlingen. Oberlehrer H. Lempfried, Saargemünd
Deux lettres de privilèges et de franchises accordées aux juifs de l'évêché de Metz. M. X. Richard, secrétaire aux archives départem., Metz.
Archivalische Mitteilungen. Archivdirektor Dr. Wolfram, Metz
Les voies romaines de Metz à Trèves. A. Eberhard, docteur en droit, banquier, Metz
Beiträge zur Geschichte der staatsrechtlichen Beziehungen Lothringens zum Reich im 16. Jahrhundert. Stadtarchivar Dr. O. Winkelmann, Strassburg
Die lothringische Frage auf dem Reichstage zu Nürnberg und dem Tage zu Speier. Archivdirektor Dr. Wolfram, Metz
Zur Geschichte des Deutschtums in Lothringen. Dr. Hans Witte, Strassburg
Les premières années de la guerre de trente ans dans le Saarthal 1633-1640. A. Benoit, homme de lettres, Berthelmingen .
Adalberos I. Schenkungsurkunde für das Arnulfskloster und ihre Fälschung. Oberlehrer Dr. Wichmann, Metz i
Antonia die Gemahlin des Drusus und die Büste der Clytia. Gymnasiallehrer Dr. O. A. Hoffmann, Metz
Das deutsche Volkslied in Lothringen. Redakteur N. Houpert, Metz
Kleinere Mitteilungen und Fundberichte. Communications diverses et trouvailles archéologiques. Verzeichnis der klassirten Denkmäler im Bezirk Lothringen , . , Batois-Messin. = H°)Vion, curé de-Bazoncourti. u er en re
Eine archäologische Leistung in Metz vor 368 Jahren, H. V. Sauerland, Trier
320 347
357 359 365
Ein Altar der Roma und des Augustus zu Metz. Gymnasiallehrer Dr. O. A.
Hoffmann, Metz
Verzeichnis der in der Sammlung Merciol befindlichen geschnittenen Steine.
Dr. O. A. Hoffmann, Metz
Description d'une série de monnaies recueillies par M. l'abbé Merciol dans
ville, Metz .
Lothringische Bibliographie (Bibliographie Lorraine) 1889.
365 370 les environs de Morville-lès-Vic. Edmond Fridrici, archiviste de la 372 Ernst 401
Marckwald, Hilfsarbeiter an der Universitätsbibliothek, Strassburg
Jahresbericht über die Thätigkeit der Gesellschaft für
lothringische Geschichte und Altertums- kunde 1889/1890 . 414
Verzeichnis der Mitglieder der Gesellschaft für lo- thringische Geschichte und Altertums-
kunde 427
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Compte-rendu annuel des travaux de la Société d’histoire et d'archéologie lorraine pour les an- nées 1889/1890 415
h Tableau des membres de la Société d'histoire et
d'archéologie lorraine . 427
Lothringen und Burgund.) Von Dr H. Witte, Hagenau.
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Es war für die Machtstellung des Herzogtums Lothringen kein sünstiges Ereignis, als am .18. April 1369 der Ehebund verabredet wurde zwischen Philipp dem Kühnen von Burgund, dem Sohne König Johanns von Frankreich, und Margaretha von Flandern, der Erbin der Grafschaften Flandern, Artois, Nevers und der Franche- Comté. Schon jetzt erlangte der burgundische Nachbar ein drückendes Uebergewicht und die Folgezeit sollte ihn noch mehr mit Macht überhäufen; zu Flandern und Artois kam Brabant, Hennegau, Holland, Friesland und Seeland, Namur und zuletzt noch das gewissermassen vor den Thoren Lothringens liegende Luxemburg. Herzog Philipp der Gute von Burgund war in der That der grosse Herzog der Christenheit, und wenn ihm auch der Name König fehlte, er nahm es doch auf an Macht mit seinem aller- christlichsten Vetter von Frankreich und mit dem Herrscher des hei- ligen römischen Reichs. Es gab nicht leicht einen Fürsten, welcher in so glücklichem Wechsel Länder des Wohlstandes und kriegerischer Wehrkraft in sich vereinigte. Dem Grafen des städtereichen und sewerbfleissigen Flandern konnten nicht leicht die Mittel zu einem Kriege versagen, wozu ihm Artois, Namur, Picardie und die beiden Burgund die kriegsbegierige Mannschaft stellten. Aber dies in seinen Hülfsmitteln schier unerschöpfliche Reich hatte eine sehr bedenkliche Schwäche, es fehlte der innere Zusammenhang. Die Champagne, das Herzogtum Bar und Lothringen lagen trennend zwischen den burgundi-
1) Das Strassburger und Colmarer Stadt-Archiv haben mir für diese Arbeit sehr wertvolles und bis jetzt unbenutztes Material geliefert, das ich schon seit langer Zeit gesammelt habe. Namentlich Herr Stadtarchivar Moos- mann zu Colmar hat mich zu grossem Danke verpflichtet, indem er mir die für die Burgunderkriege in Betracht kommenden Schätze des ihm unterstehenden Stadtarchivs im Jahre 1883 nach Hagenau zur Benutzung sandte. Ein Teil davon findet jetzt Verwertung. Schliesslich bin ich noch Herrn Oberbibliothekar Dr. Ba- rack zu hohem Dank verpflichtet, der mir wie immer die Schätze der Strassburger Universitätsbibliothek in uneingeschränkter Weise zur Verfügung stellte.
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schen Niederlanden und dem alten Stamihgebiet. und es ergab sich demnach von vornherein als Ziel der burgundischen Politik, diese Land- schaften auf die eine oder andere Weise in ihren Machtbereich zu bringen. Die Champagne hatte Herzog Philipp der Gute wieder fahren lassen müssen, nachdem die Jungfrau von Orléans den französisschen Waffen Heil gebracht hatte; um so mehr war er und jeder zu- künftige Herzog von Burgund auf die Freundschaft von Lothringen und Bar angewiesen; es war eine Lebensfrage für die burgundische Politik zu verhindern, dass eine feindliche Macht sich hier festsetzte. Auf der anderen Seite musste es das Bestreben einer jeden Burgund feindlichen Macht und also namentlich Frankreichs sein, Lothringen zu gewinnen und so mühelos im Mittelpunkt der burgundischen Staaten Aufstellung zu nehmen. Für das kleine Lothringen aber ergab sich daraus die grosse Gefahr, zwischen den beiden sich reibenden grossen Mächten Frankreich und Burgund zermalmt und die Beute des Stärkeren zu werden. Und in der That ist dem Lande zeitweilig dies Schick- sal nicht erspart geblieben. Darüber sollen die folgenden Blätter handeln).
Zunächst traf es Herzog Karl IF) von Lothringen, für oder wider Burgund Partei zu nehmen, als ganz Frankreich der Kampf durch- tobte zwischen den Häusern Burgund und Orleans um die Vormund- schaft für den wahnsinnigen König Karl VI. von Frankreich. Es war ebenso sehr der Zug seines Herzens als das Gebot der Politik, welches ihn auf Seite seines Freundes, des Herzogs Johann von Burgund, trieb; in ihm und seinem Hause erblickte er einen willkommenen Rückhalt wider das mächtige Frankreich, gegen welches ihn das heilige römische weich im Stiche liess. Bittere Kränkungen, die ihm vom Herzog Lud- wig v. Orleans widerfahren waren. bestärkten ihn in dieser Partei- nahme, ohne dass in ihm der Gedanke aufkam, wie gefährlich das immer mehr um sich greifende Burgund für Lothringen werden konnte. So gross war der Hass des Herzogs, der ohne männliche Erben war,
') Als Literatur für den folgenden allgemeinen Abschnitt kommen neben der noch immer massgebenden Histoire de Lorraine von Calmet Il. und dem gleich- namigen Werk von Digot zunächst die einschlägigen Werke aus der französischen Geschichte in Betracht: neben den allgemeinen Bearbeitungen von Sismondi, Mi- chelet und Martin die Monographie von Vallet de Viriville Histoire de Charles VII und aus neuerer Zeit das gleichnamige Werk von Beaucourt; auserdem neben der älteren Biographie von Villeneuve-Bargemont über König René die treffliche Arbeit von Lecoy de la Marche, Le Roi René, Paris 1875. Leider ist dies letztere Werk Digot entgangen.
2) 13901431.
wider Frankreich, dass er in seinem ersten Testamente ausdrücklich verordnete, dass seine Töchter an keine Unterthanen des Königs von Frankreich vermählt werden dürften ?).
Mit zunehmendem Alter des Herzogs trat natürlich die Frage immer mehr in den Vordergrund, wem das Land nun nach seinem Ableben zufallen sollte. Freilich blühte das Haus Lothringen noch in einer Seitenlinie: der Bruder des Herzogs, Graf Ferry, der seinerseits die Grafschaft Vaudémont erheiratet hatte. besass einen vielver- sprechenden Sohn, den Grafen Anton v. Vaudémont, der sich Hoffnung auf die Erbfolge machte. Davon wollte aber der alte Herzog nichts wissen : mit Zustimmung der Stände erklärte er, das Herzogtum auf seine Tochter vererben zu wollen. Alles kam nun darauf an, wer der Glück- liche sein würde, der die älteste Tochter Isabella heimführte: davon musste es abhängen, wie sich später die Beziehungen Lothringens zu Frankreich und Burgund gestalteten. Die burgundisch-englische Politik musste alles daran setzen, um Lothringen auch nach dem Ableben des Herzogs in der einmal ergriffenen Parteistellung festzuhalten, wie es Frankreichs Aufgabe sein musste, den eisernen Ring, von dem es im Osten umschlungen war, zu zersprengen; und immerhin mochte es noch am leichtesten erscheinen, das Glied Lothringen aus dieser Kette zu entfernen?). So suchte die entmenschte Mutter Karls VIE von Frankreich, Isabella von Baiern, die Hand der Erbtochter für ihren Bruder Herzog Ludwig den Bärtigen von Baiern-Ingolstadt zu erlangen, wäh- rend auf der anderen Seite kein Geringerer als König Heinrich V. von England, der Sieger von Azincourt, um dieselbe für seinen Bruder, den Herzog von Bedford warb. Da bot sich dann aber eine Aus- sicht dar, wie sie für Lothringen nicht vorteilhafter sein konnte, vor der auch Herzog Karl seine persönlichen Gefühle zurückdrängte.
Lothringen benachbart war das Herzogtum Bar, ein französisches Lehen, Die beiderseitigen Gebiete waren vielfach in einander verschlungen, so dass beide Länder auf einander angewiesen waren; statt dessen lagen sie in beständiger Fehde. Nun bot sich eine Aussicht, das Streitbeil zu begraben und beide Länder in einer Hand zu vereinigen. In jener furchtbaren Schlacht von Azincourt am 25. October 1415, in der die Blüte des französischen Adels unter den Axthieben der halbnackten englischen Bogenschützen dahinsank, war auch Herzog Eduard v. Bar
1) Calmet II, 674. Digot II, 316. Testament vom 4. Februar 1409. Wo nicht neues Material vorliegt, wiederholt Digot im wesentlichen Calmet; im allge- meinen hat der treffliche Benedictiner eben überall das Richtige getroffen.
2) Lecoy de la Marche I, 54.
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mit seinem Bruder und Neffen gefallen; das Herzogtum gelangte an Louis v. Bar, Cardinalbischof v. Chalons, der sich nun wohl nach einem Erben umsehen musste. Auch in Bar galt die weibliche Erb- folge, und so musste nach dem Tode des Cardinal-Herzogs das Land an die Nachkommenschaft seiner ältesten Schwester, der Königin Yolande v. Aragon, fallen. Deren einzige gleichnamige Tochter hatte ihre Hand Ludwig IL, König von Sicilien, Herzog von Anjou, Grafen von Provence gereicht. Die Ehe war gesegnet mit Kindern, und da der älteste Sohn als Nachfolger in den Würden seines Vaters hinreichend versorgt zu sein schien, so vermochte die Königin den Onkel, ihren Zweitgeborenen, René von Anjou, Graf von Guise, 1419 als Erben einzusetzen. Yolande von Anjou sowohl als der Cardinal v. Bar warben nun bei dem Herzog von Lothringen für den jugendlichen Fürsten um die Hand Isabellas von Lothringen. Nicht leicht konnte eine Ehe geschlossen werden, die so sehr dem Vorteil beider Länder entsprach, als gerade diese; und so schwer es auch Herzog Karl werden mochte, so drängte er doch seine persönliche Abneigung gegen eine Verbindung seiner Tochter mit einem französischen Prinzen zurück und gab seine Zustimmung. Am 20. März 1419 wurde der Ehevertrag abgeschlossen und am 24. October 1420 wurde der Ehebund geknüpft zwischen der zehnjährigen Prinzessin und dem zwölfjährigen Prinzen, der jetzt den Titel Herzog von Bar führte.
Dieser Ehebund musste nun einen höchst bedeutsamen Wechsel in politischer Hinsicht zur Folge haben, wenn auch noch nicht für die Gegenwart, so doch für die Zukunft: einstweilen blieben sowohl Herzog Karl von Lothringen als auch der Cardinal von Bar im bur- gundischen Fahrwasser ; anders musste es aber werden, wenn Herzog René zur Regierung gelangte, denn das Haus Anjou hatte stets dem von Burgund Widerpart gehalten. Ludwig I. Herzog von Anjou hatte nach dem Tode Karls V. für den unglücklichen König Karl VI. die Regentschaft geführt; dann aber räumte er Philipp dem Kühnen von Burgund das Feld, um die Krone von Neapel und Sicilien zu erwerben, zu der ihn die Adoption seitens der Königin Johanna von Neapel 1380 be- rufen hatte'). Indem er sich nun anschickte, mit gewaffneter Hand die ihm daraus erwachsenen Ansprüche zu verwirklichen, raffte ihn zur rechten Stunde der Tod hinweg, als seine letzten Hülfsmittel zusammen- geschmolzen waren; aber immerhin erlangte sein Haus als dauernden Erwerb aus dieser Erbschaft die Grafschaft Provence, während sein |?) Ich gehe auf diese Verhältnisse genauer ein, weil sie für die spätere Geschichte von Herzog René Il. von grosser Wichtigkeit sind.
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Sohn Ludwig II. noch zu versuchen hatte, ob ihn das Glück bei der Erwerbung von Neapel und Sicilien mehr begünstigen würde. Diesem hatte er auch sonst noch luftige Titel genug hinterlassen : durch Kauf hatte er Ansprüche auf das Königreich Majorka, die Fürstentümer Morea und Achaja und gar auf das Kaiserreich Constantinopel erworben. Unter seinem Sohn Louis Il. kam noch der Anspruch auf den Königs- thron von Aragon hinzu, der ihm aus der Vermählung mit Yolande v. Aragon erwuchs. In den vergeblichen Versuchen, diese Ansprüche, besonders die auf Neapel und Aragon, zu verwirklichen, verschwendete Louis IL wie sein Vater die Mittel seines Hauses und diejenigen Frank- reichs, ohne irgend etwas zu erreichen.
Seine auswärtigen Unternehmungen hinderten ihn aber nicht, thä- tigen Anteil an dem Bürgerkrieg zu nehmen, der damals Frankreich zerriss, und unter ihm wurde der Grund zu der tötlichen Feindschaft zwischen den beiden Häusern Anjou und Burgund gelegt. Gegen Johann v. Burgund ergriff er aufs eifrigste die Partei Ludwigs v. Orleans; und als Herzog Johann seinen Gegner hatte ermorden lassen, löste Ludwig alle Beziehungen zu seinem burgundischen Vetter, indem er ihm die älteste Tochter Katharina zurücksandte, die an dem Hofe von Anjou als Braut und spätere Gattin von Louis IL weilte. Indem das königliche Ehepaar nun nach dem Tode des Herzogs von Orléans sich ebenso eng an dessen Rächer, den Grafen Bernhard v. Armagnac, anschloss, erntete es den Lohn dafür, insofern die älteste Tochter Marie v. Anjou mit dem dritten Sohne Karls VI. von Frankreich, dem Grafen Karl v. Ponthieu, vermählt wurde. Dem konnte freilich damals nie- mand voraussagen, dass er einmal Dauphin und König von Frankreich sein würde. Der Fall trat aber wirklich ein, nachdem die beiden älteren Brüder Karls v. Ponthieu gestorben waren, und so war denn Marie v. Anjou das hohe Loos beschieden, mit dem ihr bestimmten Gatten den Königsthron von Frankreich zu teilen. Königin Yolande entriss den jungen Prinzen der lasterhaften Umgebung seiner Mutter, der ehr- und pflichtvergessenen Isabella von Baiern, und liess ihn unter ihren Augen erziehen. Als dann Ludwig Il. v. Anjou, König v. Sicilien, im Januar 1417 starb, da ergriff Königin Yolande mit männ- lichem Geiste die Zügel der Regierung und wurde durch die weisen Ratschläge, welche sie dem Dauphin Karl VIE gab, recht eigentlich der Schutzengel Frankreichs. Je enger aber sich so das Verhältnis zwischen dem jungen Herrscher und dem Hause Anjou gestaltete, desto mehr spitzte sich auch zugleich der Gegensatz zu dem Hause Burgund zu. Die Ratschläge seiner Schwiegermutter waren es, wodurch Karl VIE.
segenüber England und Philipp dem Guten allmählich weitere Fortschritte machte: das Haus Anjou stritt an der Seite des jungen Königs, um Frankreich von der Fremdherrschaft zu befreien. Indem die Königin dann ihrem Sohne René die Erbfolge in Bar und mit der Hand der jungen Prinzessin Isabella die Nachfolge in Lothringen verschaffte, diente sie ebensosehr den Interessen ihres eigenen Hauses wie denjenigen Frankreichs.
Wenn nun auch sowohl der Kardinal von Bar als auch der Herzog von Lothringen auf Seite Burgunds und Englands verharrten, so war es doch natürlich, dass beide Mächte ihre Vorkehrungen trafen für den Augenblick, dass diese beiden Fürsten von dem politischen Schauplatz abtraten und Herzog Rene die Zügel der Regierung ergriff. England verhehlte schon jetzt seinen übeln Willen nicht: die Grafschaft Guise, von der Herzog Rene früher den Namen geführt hatte, wurde durch den Herzog von Bedford an Johann v. Luxemburg, Grafen von Ligny, verliehen. Und wenn Herzog Philipp der Gute zunächst noch mit seiner wahren Gesinnung zurückhielt, so wartete er doch nur den Tod von Herzog Karl ab, um dessen Schwiegersohne die Nach- folge von Lothringen zu bestreiten. Dazu bot sich ihm eine treffliche Gelegenheit, insofern Graf Anton v. Vaudemont, ein Mann, durch alle ritterlichen Tugenden hervorleuchtend, für sich die Erbfolge in Lothringen beanspruchte. Immer hatte er sich Hoffnung gemacht, dass er oder sein Sohn im Herzogtum Lothringen nachfolgen würde, und um so bitterer war er enttäuscht, als nun Lothringen in die Hände eines fremden Hauses übergehen und dem alten Geschlechte entfremdet werden sollte. Wieder war es die viel bestrittene weibliche Erbfolge, gegen die auch Anton von Lothringen anging, obwohl er ihr seine Graf- schaft Vaudémont verdankte. Karl II. war dawider auf seiner Hut: am 13. Januar 1425 traf er in einem neuen Testamente Bestimmungen, wonach es schien, als ob für alle Zeiten das Geschlecht seines Neffen von der Erbfolge ausgeschlossen werden sollte. Wenn seine Tochter Isabella ohne Nachkommenschaft starb, so sollte das Herzogtum an die Kinder seiner zweiten Tochter Katharina gelangen, die den Mark- srafen Jakob von Baden geheiratet hatte; wären auch von ihr keine Nachkommen vorhanden, so sollten die Ritterschaft und die Städte den zukünftigen Herzogs bestimmen. Und um diesem seinem letzten Willen die rechtliche Unterlage zu geben, berief er am 13. December 1425 die Ritterschaft des Landes, die feierlich erklärte, dass Lothringen ein weibliches Lehen wäre, und demgemäss den Töchtern des Herzogs als einzigen Erben den Treueid leistete. Damit hatte Herzog Karl
alles gethan, was die Nachfolge seiner Töchter sicher stellen konnte, und für den Grafen von Vaudémont war gerade der letzte Schritt des Herzogs um so peinlicher, als er sich bisher immer mit der Hoffnung seschmeichelt hatte, der Anjou würde keinen Anhang im Lande finden. Doch begnügte sich Herzog Karl nicht einmal mit diesem Schritte: auch mit Waffengewalt wollte er seinen Neffen zwingen, seinen An- sprüchen zu entsagen: ein langwieriger Krieg erhob sich, der noch nicht beendet war, als Karl am 25. Januar 1431 starb.
Karl II. hatte bis an das Ende seiner Tage die Freundschaft mit Burgund gepflegt; das war eine weise Politik gewesen, nachdem Bur- sund ein so mächtiger Nachbar geworden war. Was ging auch das Herzostum Lothringen der französische Krieg an? Das Land hatte später Gelegenheit genug, mit’ Sehnsucht sich jener Politik zu erinnern, die inmitten einer Welt des Schreckens die Segnungen des Friedens gewahrt hatte. Das war auch der Grund gewesen, weshalb der Car- dinal von Bar, obwohl ein Vasall der Krone Frankreich, die nämliche Haltung beobachtet hatte. Vergebens aber suchten beide Männer den jungen Prinzen zu bestimmen, dieselben Bahnen zu wandeln. Es macht René von Anjou wahrlich keine Unehre, wenn er sich dahin wandte, wohin die Pflicht ihn rief, und sich aus den Armen seiner jungen Gattin losriss, um an der Seite seiner Brüder König Ludwigs II. v. Sicilien und Karls von Maine für die Sache Frankreichs und seines Schwagers zu kämpfen. Es war nur das Unheil, dass dieser franzö- sische Prinz zugleich Herzog von Lothringen war: das Land musste die Folgen tragen. Als Herzog von Bar nahm er an dem Siegeszuge der Jungfrau von Orléans teil und gehörte zu ihren begeisterten Ver- ehrern: im Verein mit dem Ritter ohne Furcht und Tadel, Barbazan, befreite er die Champagne von den englisch-burgundischen Besatzungen und schlug den Marschall von Burgund bei Chappes in der Nähe von Troyes aufs Haupt. Fühlbarer konnte er es Herzog Philipp über- haupt: nicht machen, was der Besitzwechsel im Herzogtum Bar für ıhn zu bedeuten hatte : und jetzt sollte zu Bar noch Lothringen hinzukommen.
Auf seinem Sterbebette hatte Herzog Karl noch den Schwieger- sohn gebeten, Frieden zu halten mit Burgund; darauf beruhe Heil und Glück des Landes. Herzog René schlug diesen weisen Rat in den Wind: es ist nicht ersichtlich, dass er irgend etwas that, um Herzog Philipp über die Folgen des Thronwechsels zu beruhigen. Und dieser traf nun auch seinerseits seine Massregeln, indem er dem Grafen von Vaudémont die Mittel gewährte, den Waflengang mit Rene von Anjou zu wagen. Es soll nicht Aufgabe dieser Blätter sein, die darauf
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folgenden Kämpfe, welche nun auch über Lothringen die Schrecken des Krieges brachten, zu beschreiben. Es ist bekannt, wie teuer Lothringen die Herrschaft des Hauses Anjou erkaufen musste. Das Schlachtenglück entschied wider Rene; er geriet am 30. Juni 1431 in der Schlacht bei Bulgnéville nebst zahlreichen Edlen in burgundische Gefangenschaft. Für das Land kamen jetzt böse Zeiten; es wütete nicht bloss der Krieg mit Vaudémont fort; schlimmer noch waren die Verheerungen, welche die einzelnen Parteigänger, würdige Vorläufer der Armagnaken, anrichteten. Die Not des Landes bewog Herzog René, auch auf die härtesten Bedingungen einzugehen, um nur zeitweilig aus dem Gefängnis zu kommen und Ruhe und Ordnung im Lande herzu- stellen. Sich selbst hatte er es aber zuzuschreiben, wenn Herzog Philipp ihn wieder einforderte, und es blieb ihm nichts anders übrig, als sich am 1. März 1435 aufs neue in seinem Gefängnis zu Dijon zu stellen.
Während Herzog René nun. seine Tage im Gefängnis vertrauerte, lachte ihm aussen das Glück in eigentümlicher Weise. Sein Bruder Louis Ill. hatte wie sein Vater versucht, sich in den Besitz des König- reichs Neapel zu setzen, und er hatte wenigstens in dieser Hinsicht einen erheblichen Fortschritt gemacht, dass er sich mit der regierenden Königin von Neapel Johanna Il. aussöhnte, die ihn dann an Sohnes statt annahm, um in ihm einen Vorkämpfer gegen König Alfons V. von Aragon und Sicilien zu erhalten. Er starb jedoch am 12. November 1434; ihm folgte Johanna IL am 2. Februar 1435, nachdem sie durch Testa- ment Herzog Rene zu ihrem Erben eingesetzt hatte. Neapel musste erst erobert werden; Anjou und Provence fielen aber Rene sofort zu. Eine solche Steigerung der Macht des Herzogs von Lothringen und Bar entsprach keineswegs den Interessen Philipps von Burgund, und er wollte wenigstens insofern Vorteil daraus ziehen, als er seine For- derungen für die jetzt dringliche Freilassung von König René erheblich steigerte: er forderte das Herzogtum Bar, das heisst die Verbindung zwischen den beiden Burgund und seinen Niederlanden.
Herzog René war nicht geneigt, um jeden Preis seine Freiheit zu erkaufen, er verharrte lieber im Gefängnis. Für ihn unternahm es seine Gattin Isabella, eine Frau von hohem Mute und männlicher That- kraft, das Königreich Neapel zu gewinnen. Am 18. October schiffte sie sich ein und überliess Lothringen dem Wirken einer Regentschaft. Zum erstenmal kam das Land in die Lage, die Folgen jener unglück- lichen Verquickung zu verspüren, dass es mit fernen Landschaften durch die Person des Regenten verknüpft war. Das Land musste
seinem neuen Herrscherhause nicht bloss Geld und Leute beisteuern, damit es seine glänzenden Titel verwirklichen konnte, sondern es musste auch die fürsorgliche Thätigkeit des Landesherrn entbehren. Während Herzog Rene im Gefängnis schmachtete und die Herzogin in Neapel weilte, nisteten sich im Lande die Armagnaken oder Schinder ein und blieben 9 Jahre lang ständige Gäste. Bücher liessen sich anfüllen mit der Beschreibung haarsträubender Gräuel, die sie an den unglücklichen Bewohnern des Landes verübten. Sie sogen Land und Bewohner aus!).
Enalich schlug dann die Stunde, dass König René die Freiheit erlangte. Am 28. Januar 1437 wurde der Vertrag von Lille geschlossen, der zwar harte aber erfüllbare Bedingungen enthielt und für die Folge- zeit das Verhältnis zwischen den Häusern Anjou und Burgund re- gelte. Die Forderung bezüglich des Herzogtums Bar musste Herzog Philipp jetzt fallen lassen, und das Lösegeld wurde auf 400000 Goldthaler ermässigt. Die Zahlung sollte in 4 Terminen geschehen : 100000 Ende Mai 1457, ebenfalls 100000 Ende Mai 1438 und der Rest erst dann, wenn König René in den Besitz seines Königreichs Neapel gelangt wäre. Drückend waren die Bürgschaften, welche König René für die Einhaltung der Zahlungen zu leisten hatte: nicht nur verbürgten sich mit dem Grafen von Montfort, dem ältesten Sohn des Herzogs von Bretagne, noch 40 Edelleute aus Lothringen, Bar, Anjou und Provence, sondern es musste dem Burgunder ausser Neufchäteau und Clermont en Argonne auch noch Prény und Longwy als Sicherheits- plätze eingeräumt werden, und Herzog Philipp behielt zunächst also noch festen Fuss in Lothringen und Bar.
Die Ehe zwischen Ferry von Vaudémont, dem Sohne des Neben- buhlers von König René, und Yolande. der ältesten Tochter des loth- ringischen Ehepaares, zu der sich König René schon früher hatte verpflichten müssen, wurde aufs neue festgesetzt und gleichzeitig eine Allianz der Häuser Anjou und Burgund geschlossen, deren Dauer noch dadurch sefestigt werden sollte, dass eine Ehe zwischen Johann v. Anjou, dem sein Vater dann den Titel Herzog v. Calabrien verlieh, und Marie v. Bourbon, der Schwester Herzogs Karl v. Bourbon und der Nichte von Herzog Philipp, verabredet wurde?).
1) Witte. Die Armagnaken im Elsass 1439-45 p. 12 ff. Tuetey, Les Ecorcheurs, Bd. II enthält Akten und namentlich auch amtliche Aufnahmen über das Treiben der Schinder' in Lothringen. Es wird sich vielleicht Gelegenheit bieten, darauf zurückzukommen.
2) Dieses Verlöbnis kam dem armen René insofern sehr zu statten, als er auf die Mitgift der zukünftigen Schwiegertochter Herzog Philipp eine An-
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Unverzüglich begab sich König René jetzt nach Lothringen; an- statt aber dem unglücklichen Lande die Wunden zu heilen, die demselben während seiner Gefangenschaft und der Abwesenheit seiner Gattin oeschlagen waren, hatte er nichts angelegentlicheres zu thun, als schleunigst alle Vorkehrungen zu treffen, um seiner Gattin nach Neapel zu folgen. Das verwüstete Land musste nicht nur für das Lösegeld des Herzogs und der mit ihm gefangenen Edelleute steuern, sondern auch helfen, die Mittel für diesen Zug aufzubringen. Mit Beginn des Frühjahrs 1437 brach er auf, begleitet von der Blüte der lothringischen Ritterschaft, die das Abenteuer im Süden lockte. Vor seiner Abreise hatte er die Regentschaft geordnet; indem er es aber nicht über sich gewinnen konnte, die Abneigung gegen Anton v. Vaudémont zu über- winden und weder diesen noch den eignen Schwiegersohn Ferry von Vaudémont zum Statthalter ernannte, brachte er noch viel ärgeres Unheil über sein Land. Denn Graf Anton machte nun gemeinschaft- liche Sache mit den Armagnaken, und die letzten Dinge wurden schlimmer als die ersten. Auch das Unternehmen in Neapel endete mit einem eänzlichen Misserfolg, und König René kehrte im Herbst 1442 noch ärmer zurück als er hingegangen war. Sein Königreich blieb im Monde, und da seine Macht in umgekehrtem Verhältnis stand zu seinen slänzenden Titeln, so konnte es nicht fehlen, dass er dadurch den Spott seiner derben Zeitgenossen herausforderte. Bezeichnend ist es ja, wie er seiner Tochter Margarete bei ihrer Vermählung mit König Heinrich VI v. England als Mitgift einen seiner zahlreichen Titel gab, den auf das Königreich Majorca, das natürlich den Aragonesen erst entrissen werden musste. Unter diesen Umständen sah es auch schlimm mit den Zahlungen an Herzog Philipp aus, und König René hatte zu er- warten, dass seine Bürgen herangezogen wurden. Da erinnerte sich aber König Karl, dass sein Schwager für Frankreich die Freiheit ver- loren und seine besten Jahre im Gefängnis vertrauert hatte. Die Zeiten hatten sich geändert; Herzog Philipp musste sich dem Willen des Königs fügen und am 5. Juli 1445 zu Chalons sich dazu verstehen, seinem Schuld- ner das noch fehlende Lösegeld — es waren von König Rene überhaupt nur 19400 Goldthaler bezahlt worden — nebst den bereits zu 40000 Goldthalern angewachsenen Zinsen zu erlassen, sowie die in seiner Hand befindlichen Sicherheitsplätze in Lothringen und Bar herauszugeben). weisung von. 100000 Goldthalern geben konnte. Nach dem Tode der Prinzessin musste René die ganze Summe an den Herzog von Bourbon zurück- zahlen. Lecoy 1,122 ff.
1) Lecoy 1, 247.
Zum erstenmal konnte König René erleichtert aufatmen; Loth- ringen und Bar wandte er für alle Zeit den Rücken und gab sich in dem heitern Anjou und der sonnigen Provence jenen harmlosen Zer- streuungen hin, die ihm den Namen des Schäferkönigs eingetragen haben. In Lothringen und Bar setzte er seinen Sohn Herzog Johann v. Calabrien zum Statthalter ein, und als dann seine Gattin Isabella 1453 starb, trat er demselben das Herzogtum Lothringen ganz ab, während er Bar für sich behielt und durch seinan Schwiegersohn Ferry v. Vaudémont verwalten liess. So war nun doch wieder der Zusammen- hang gelöst, den Herzog Karl von Lothringen durch die Vermählung seiner Tochter Isabella hatte für alle Zeiten begründen wollen, urid harter Mühe bedurfte es für Herzog René IL, Bar wieder den Händen Ludwigs XI von Frankreich zu entreissen.
Die Lothringer aber wünschten sich nichts besseres, als dass ihr Land endlich seinen eigenen Herrscher erhielt; jedoch auch Johann v. Calabrien wurde sein Herzogtum zu eng; und es zog ihn wie seine Vorfahren nach Italien, den Thron seiner Väter zu erkämpfen. Es war nie ein günstigerer Augenblick gewesen; auch das aragonesische Königshaus war verwaist. König Alfons hatte nur einen unebenbürtigen Sohn, Ferdinand, hinterlassen, und es konnte nicht schwer erscheinen, diesem die Königskrone zu entreissen. So stürzte sich Herzog Johann kopf- über in die neapolitanischen Wirren, und Lothringen kam nur insofern in Betracht, als es ihm Geld und Mannschaften für seine abenteuerlichen Unternehmungen gewähren musste. In seinen Plänen fand er eine starke Unterstützung an König Karl VIE, der mit Recht den franzö- sischen Interessen nicht besser glaubte dienen zu können, als wenn er nach Kräften dazu beitrug, die Herrschaft der Anjou in Neapel wiederherzustellen. Dennoch scheiterte Herzog Johann, namentlich auch an dem Widerstand von Pius IL, der nichts davon wissen wollte, dass die Franzosen sich aufs neue in der Nähe Roms festsetzten; und arm an Geld und Leuten kehrte er 1461 nach Loth- ringen zurück.
In Frankreich traf er König Karl nicht mehr unter den Lebenden, und es musste sich nun zeigen, wie sich das Verhältnis des Hauses Anjou zu dem neuen König gestalten würde. Davon waren auch die ferneren Beziehungen zu Burgund abhängig. Seit jener endgültigen Regelung zu Chalons waren sie friedlicher Natur geblieben, und für ihre bessere Gestaltung konnte es nur günstig sein, dass König Rene die Regierung von Lothringen und Bar seinem Sohne Johann über- tragen und zuletzt zu seinen Gunsten auf das Herzogtum Lothringen
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verzichtet hatte. Damit war gewissermassen der alte Zustand der Dinge wieder hergestellt, und vor allem die Gehässigkeit in den per- sönlichen Beziehungen, wie sie zwischen König Rene und Herzog Philipp seherrscht hatte, die nun einmal nicht mehr zu beseitigen war, hörte auf, Ein herzliches Verhältnis konnte allerdings zwischen dem alten und jungen Herzog schwerlich Platz greifen ; hingegen konnten sich Herzog Johann und Graf Karl von Charolais schon eher finden, zumal beider Persönlichkeit viel Uebereinstimmung hatte: beide liebten und suchten den Kampf ebensosehr auf, wie König Ludwig demselben auswich. Wenn nun, wie es allen Anschein hatte, die stille Feindschaft zwischen Frankreich und Burgund sich nach dem Regierungsantritt von König Ludwig in offenen Krieg verwandelte, dann war es von grösster Bedeutung, sowohl wie das Haus Anjou überhaupt als auch Herzog Johann insbesondere sich dazu stellte; in seiner Hand lag es, dem König ebenso sehr zu nützen als zu schaden. König René wiesen die Traditionen seines Hauses auf die Seite des Königs, so sehr sie sich beide abgestossen fühlen mochten bei dem Gegensatz ihrer Naturen. Herzog Johann gehörte aber einer neuen Generation an, er war nicht, wie sein Vater in den Kämpfen mit Burgund aufgewachsen, und es kostete ihn ebensowenig Ueberwindung wie seinen übrigen Standesgenossen, den Grafen von Charolais im Kampf gegen den König zu unterstützen , wenn er seine Rechnung dabei fand. König Ludwig selbst hielt es um so notwendiger, das Haus Anjou dauernd an sich zu fesseln, als er vieles gegenüber König René in Vergessenheit zu bringen hatte, und so wurde dann ein Ehebündnis verabredet zwischen Nicolas, Markgraf du Pont, dem allein noch lebenden Sohne Herzog Johanns, dem Enkel von König Rene, und Anna, der Tochter König Ludwigs!). Die alten Zeiten schienen wiederzukehren, als König Karl und Herzog René durch die engsten Familienbande vereinigt Schulter an Schulter gegen das Haus Burgund fochten. Um so rätselhafter ist dann die fernere Haltung des Königs. Man sollte meinen, König Ludwig hätte jetzt noch viel aus- siebiger die Anjou in Italien unterstützt, als sein Vater, da er auf diese Weise einen Königsthron für seinen Schwiegersohn erwarb, aber das Umgekehrte geschah. Wenn Herzog Johann den König um Hülfe drängte, ver- schanzte er sich hinter Ausflüchte; als dann der Herzog 1462 nach Italien abgegangen war, liess ihm der König anfangs zwar seine diplo-
1) Am 20. März 1462 quittirte König René bereits über 60000 Franken, die König Ludwig als Abschlagszahlung auf die Mitgift für seine Tochter ausgezahlt hatte. Lecoy 1, 334.
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matische Unterstützung zu teil werden, indem er namentlich Pius I. für den Herzog zu gewinnen suchte; aber man kann zweifeln, ob selbst diese Hülfe ernst gemeint war. Jedenfalls hatte der König im folgenden Jahre 1463 seine Haltung vollständig verändert. Ebenso wie er den Herzog von Orleans gegen Mailand im Stiche liess, ebenso Herzog Johann gegen Neapel. Von der wahren Gesinnung des Königs erhielt der Herzog zufällig Kenntnis, als ein Brief Ludwigs an Fer- dinand von Neapel aufgefangen wurde, in welchem er ihm verhiess, keinerlei Unterstützung seinem Nebenbuhler zuzuwenden. Ohne Hülfe aus der Heimat musste er 1464 nach Frankreich zurückkehren, Zorn und Wut im Herzen gegen König Ludwig, der ihn verraten hatte. Wenn er auch vom Unglück verfolgt gewesen war, so strahlte sein militäri- scher Ruhm im hellsten Glanze, und König Ludwig hatte es durch seine Hinterhaltigkeit fertig gebracht, dass Johann v. Calabrien alles, seinen Ruhm, seine Macht und seine Erfahrungen, in den Dienst der Liga für das gemeine Wohl stellte. Für Karl von Charolais war das ein Gewinn von höchster Wichtigkeit; das Werk, welches Yolande v. Anjou so geschickt zustande gebracht hatte, war zerstört: Lothringen stand wieder in Feindschaft wider Frankreich und in Freundschaft mit Burgund. Vergebens bemühte sich König Ludwig durch König René, der trotz aller Kränkungen in seiner Treue nicht gewankt hatte, auf den Herzog v. Calabrien einzuwirken; der engste Waffenbund vereinigte ihn jetzt mit Karl von Charolais.
Es ist bekannt, einen wie hervorragenden Anteil Herzog Johann an dem jetzt ausbrechenden Kriege nahm; die Truppe, die er Karl zu- führte, war nur eine kleine Schar, aber eine Kerntruppe in des Wortes eigenster Bedeutung. In dieser Hinsicht will es etwas bedeuten, wenn ein Mann wie Philipp de Commines erklärt, niemals eine so vorzügliche Truppe gesehen zu haben!); das Lob aber, welches er dem Führer ausstellt, übertrifft noch dasjenige für die Mannschaft; es gab keinen bessern Führer im ganzen Heere und trotz der kleinen Anzahl seiner Schar genoss er ebenso viel Ansehen wie Karl von Burgund: das ganze Heer leistete ihm mit grossem Vertrauen Gehorsam : und in Wahrheit, er war es wert so geehrt zu werden. Nochmals macht König Ludwig den Versuch, Herzog Johann von der burgundischen Partei abzuziehen. König René schrieb in den dringendsten Ausdrücken in diesem Sinne an seinen Sohn. und König Ludwig sandte einen alten Diener des
1) Memoires de Commines éd. Michaud p. 14 u. passim. Memoires d'Olivier de la Marche éd. Michaud p. 504.
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Hauses Anjou, Bertrand de Beauveau Sire de Précigny, an den Herzog!) und gab ihm die besten Versprechungen. Der Herzog aber, dessen Erbitterung noch gestiegen war dadurch, dass der König jetzt in offenem Bündnis mit Ferdinand von Neapel stand, antwortete voller Bitterkeit: er wisse, was die Versprechungen des Königs wert seien; im übrigen thue er kein Unrecht, wenn er die Partei der Prinzen nehme, da er keinerlei Lehen vom König habe; er werde ihm einen Faden spinnen, den weder der König noch seine Günstlinge auflösen sollten. Als dann aber alle Welt mit dem König Frieden machte, da nahm auch der Herzog seinen Vorteil wahr. In dem Vordergrund seiner Interessen stand ihm die neapolitanische Frage, und es kostete dem König nichts, wenn er dem Herzog versprach, seinen Bund mit König Ferdinand zu lösen; dazu verhiess er ihm auf drei Jahre eine jährliche Beisteuer von 100000 Thalern sowie ein Hülfskorps von 500 Lanzen und 8000 Bogenschützen, um sein Königreich Neapel zurückzuerobern, ausserdem ein Gnadengeschenk von 60000 Thalern als Entschädigung für Verluste, im Dienste des Königs erlitten; und wenn der Herzog vordem erklärt hatte, keinerlei Lehen vom König zu tragen, so machte der König das jetzt zur Wahrheit, indem er ihn von der Vasallenpflicht für einzelne Plätze in Lothringen, die von Frankreich zu Lehen gingen, entband. Viel mehr aber hatte es zu bedeuten, dass der grosse Menschenkenner Ludwig den geradgesinnten Herzog so von der Lauterkeit seiner Ab- sichten zu überzeugen wusste, dass er sich ihm vollständig in die Arme warf. Das Bündnis mit Burgund war wieder zerrissen, und jetzt wurde auch der Ehevertrag zwischen Markgraf Nicolas und Anna v. Frank- reich endgültig aufgerichtet.) Um aber die Entfremdung zwischen Anjou und Burgund noch zu vergrössern, lieferte der König wieder einmal ein wahres Meisterstück seiner Staatskunst: er schenkte an Herzog Johann Epinal.
Epinal, ursprünglich zum Bistum Metz gehörig, war um dieselbe Zeit als Könige Karl VII. Metz belagerte und auf Toul und Verdun seine Hand leste und der damalige Dauphin Ludwig die französische Grenze bis an den Rhein auszudehnen suchte, an Frankreich gekommen. Diese hochfliegenden Pläne scheiterten. und auch das entlegene ferne Epinal hatte keinen Wert mehr für Frankreich. Um so höheren Wert hatte die bevölkerte und wohlhabende Stadt für die Nachbarn. und wenn König Ludwig 1465 die Stadt an Thibaut de Neufchätel,. Sire
1) Les chroniques de Jean de Troves éd. Michaud p. 259. 2\"Leeoy 1,363 E.
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v. Blamont, Marschall von Burgund schenkte, so that er es schwerlich bloss deshalb, um sich diesen mächtigen Herrn zu einem ergebenen Anhänger zu machen. Das Geschlecht der Neufchätel war eins der mächtigsten in Burgund, aber auch in Lothringen war es ansässig und besass das wichtige Chätel an der oberen Mosel; wenn jetzt Epinal hinzukam, so war die Stellung dieser Familie erheblich verstärkt, aber nicht zum Vorteil der Herzöge von Lothringen. Epinal aber wollte von dem neuen Herrn nichts wissen und trotzte einer Belagerung; es erhob Protest vor dem Pariser Parlament und bat den König, die Stadt wenigstens einen Fürsten ihrer Neigung wählen zu lassen. Ihr Wunsch sing dahin, wenn es nicht anders sein konnte, dann doch lieber den Herzog von Lothringen zum Herrn zu haben. Der König, der das angenehme Bewusstsein hatte, damit Lothringen in ein schweres Zer- würfnis mit dem mächtigsten Landherrn Burgunds zu bringen, willigte ein, und da wohl nicht anzunehmen war, dass Herzog Karl seinen Marschall im Stiche lassen würde, so war damit ein neuer Streitpunkt gegebent). Einstweilen freilich musste der Marschall Epinal aufgeben, aber es entstand jetzt ein erbitterter kleiner Krieg in Lothringen, der dann noch eine erhebliche Ausdehnung erhielt, als der Bischof von Toul Anton de Neufchätel seinem Vater die festen Plätze Brixev, Maizieres und Liverdun einräumte.
Auch hier im Bistum Toul hatten sich lothringische und burgun- dische Interessen gekreuzt. Seit alter Zeit stand das Bistum, wenn es auch äusserlich seine Selbständigkeit behauptete. unter lothringischem Einfluss, und es war einer der vielen Nachteile, welche die Abwesen- heit von Herzog Johann für Lothringen mit sich brachte, dass burgundischer Einfluss im Jahre 1460 die Wahl des jungen Neufchätel zum Bischof zu Wege gebracht hatte. Vergebens hatten sich die lothringischen Mitglieder des Kapitels dagegen gestemmt und ihre Stimmen einem der Ihrigen gegeben: schliesslich wurde Anton von Neufchätel auch von Lothringen als Bischof anerkannt. ‚Jetzt hatte der junge Prälat, ent- gegen den Wünschen des Kapitels, welches neutral bleiben wollte, für seinen Vater Partei ergriffen. Der lothringische Teil des Kapitels betrieb darauf auf Verlangen von Herzog Johann die Wahl eines andern Bischofs. während Herzog Karl mit seinem Zorn drohte, wenn anders das Kapitel auf diesem Wege fortschritte. Der Krieg aber wütete weiter, und die Landschaften an der oberen Mosel und Maas er- litten die schlimmste Verwüstung. Herzog Karl hielt sich zwar zu-
1) Die Stadt stellte sich am 21. Juli 1466 unter den Schutz des Herzogs v. Calabrien trotz des Protestes von Karl v. Burgund. Legeay hist. de Louis XI, I., 489.
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nächst noch von der Betheiligung fern, aber es springt in die Augen, dass dieser Krieg, der nun schon 3 Jahre dauerte, auch auf die Be- ziehungen der beiden Länder zurückwirken musste.
Während die Dinge in Lothringen diesen höchst ungünstigen Ver- lauf nahmen, weilte Herzog Johann in der Ferne; er hatte sich in ein neues Unternehmen gestürzt. König René!) hatte zu seinen König- reichen ein neues hinzu erhalten. Die Catalonier, welche sich empört hatten gegen König Johann IL von Aragon, den Bruder von König Alphons, den glücklichen Nebenbuhler der Anjou auf dem Throne von Neapel, boten die Krone König René an als Enkel von König Johann I. Diesem machte es keine Beschwerde, neben seinen übrigen Kronen diejenige von Aragon zu tragen ; seinem so thatkräftigen Sohne aber, dem es beschieden war, den angebotenen Thron zu erobern, mochte die Möglichkeit vor- schweben, auf dem Umweg über Aragon auch in den Besitz von Neapel zu gelangen. So schlug er sich dann das Unternehmen nach Neapel aus dem Sinn, um einen Feldzug nach Aragon vorzubereiten. König Ludwig verhiess ihm hierfür dieselbe Hülfe, wozu er sich für den Zug gegen Neapel verpflichtet hatte; ausserdem ermächtigte er ihn, Mannschaften auf königliche Kosten in der Grafschaft Armagnac auszuheben. Dabei blieb es aber, und Herzog Johann musste aufs neue die Erfahrung machen, dass, wer auf König Ludwigs Versprechungen baute, auf Sand gebaut hatte. Somit war der Fürst auf die Hülfe seiner treuen Loth- ringer und seines Vaters angewiesen, und diese ward ihm nicht ver- sagt. Aufs neue errang er die glänzendsten Lorbeeren; er gewann Catalonien und eröffnete eben den Feldzug, der ihn zum Herrn von Aragon machen sollte, als ihn am 16. December 1470 zu Barcelona ein plötzlicher Tod dahinraffte.
Für König Ludwig war es ein glückliches Ereignis. Herzog Johann besass alle Eigenschaften, um der Heros der kampf- und ruhmbegierigen französischen Ritterschaft zu werden; dem gemeinen Soldaten sowohl als seinen ritterlichen Gefährten war er der Abgott gewesen. „Dazu kam sein Feldherrntalent, welches er gerade in den schwierigsten Ver- hältnissen bewährt hatte. Als einziger Erbe seines Vaters musste er später eine Macht in seiner Hand vereinigen, welche nur noch der des Herzogs von Burgund nachstand; wenn er dieselbe wider König Ludwig gewandt hätte, wer kann sagen, was geworden wäre! Die neuen Enttäuschungen, welche der König ihm bereitet hatte, machten wohl gewiss, dass er fortan ein unversöhnlicher Gegner gewesen wäre. Jetzt liess der König die Hinterbliebenen entgelten, dass er den Sohn
1) Legeay I, 49.
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und Vater gefürchtet hatte, und streckte die Hand nach den Domänen des Hauses Anjou aus. Er vergass die grossen Dienste, welche König René ihm noch zuletzt in den Kämpfen mit Karl dem Kühnen erwiesen hatte, und dieser hielt es für geraten, sich vor seinem königlichen Neffen zurückzuziehen, nachdem er zuvor noch seinen Enkel Herzog Nicolas von Lothringen am 14. Juli 1471 zu seinem Gesamterben eingesetzt hatte.
Herzog Nicolas war erst 23 Jahre alt, als ihm zunächst die Nach- folge in Lothringen zufiel!). Er wird geschildert als ein Fürst, schön von Gestalt und von glänzenden Anlagen, wie sein Vater, aber er war auch leichtsinnig und geschlechtlichen Ausschweifungen ergeben. In dem Zeitalter der Bastarde konnte der letztere Fehler jedoch nicht auffallen, und es war zu erwarten, dass bei reiferem Alter die Fehler hinter die Vorzüge zurücktraten. Seit dem endgültigen Abschlusse des Ehever- trages scheint sich der junge Fürst, zu Lebzeiten seines Vaters Mar- quis du Pont (à-Mousson), am königlichen Hofe aufgehalten zu haben und hier nahm er an allen wichtigen Staatsangelegenheiten teil. Das kriegerische Talent seines Vaters war auf ihn übergegangen; 1468 war er es, welcher an der Spitze des Aufsebots von Anjou, Touraine und Poitou in die Bretagne vordrang und siegreich den Feldzug zu Ende führte?). Nach dem Tode seines Vaters wünschten die lothringischen Stände den jungen Herzog in ihrer Mitte; denn der Krieg mit dem Sire de Neufchätel wütete noch immer fort, und gerade damals hatte die Regentschaft beschlossen, einen Hauptschlag zu führen und Chätel
1) Für die folgende Zeit kommen nun in erster Linie an chronikalischen Quellen in Betracht die Chronique de Lorraine bei Calmet Ill Preuves und die Chronique ou Dialogue entre Joannes Lud et Chrétien, publié par Jean Cavon. Bezüglich der Chron. de Lorraine muss ich für die frühere Zeit Lecoy beistimmen, der den Chronisten un simple romancier nennt; anders wird das aber für die folgende Zeit, in der er mitten darin steht. Hier ist seine redselige Erzählung von höchstem Wert, wenngleich sie stets wegen ihrer vielfach ungenauen An- gaben mit Vorsicht aufzunehmen ist. Deshalb vermag ich aber auch nicht Lepage beizustimmen, welcher den Secretär von Herzog René Jean Chrétien für den Verfasser hält. Der Chronist zeichnet sich gerade durch Ungenauigkeit in der Erzählung diplomatischer Vorgänge aus. — Merkwürdig ist es aber, dass die tüchtige Arbeit von Lepage, Commentaires sur la Chronique de Lorraine au sujet de la guerre entre René II et Charles le Téméraire in den Mémoires de la Société d'archéologie lorraine, Bd. I, Digot unbekannt geblieben ist. Digot beschränkt sich in. dem betreffenden Abschnitt seines Werkes wesentlich auf die Wiedergabe von Huguenin, Histoire de la guerre de Lorraine. — Der Dialogue enthält leider nur sehr dürftige Angaben. — Aeusserst wertvolles ur- . kundliches Material ist von Lenglet im 2. u. 3. Band seiner Ausgabe des Com- mines veröffentlicht.
2) Lecoy 1,372, Legeay 1, 530.
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an der Mosel zu belagern. Herzog Nicolas konnte sich aus den Armen seiner. Geliebten, Anne Robert, nicht losreissen und weigerte sich zu kommen, und die Lothringer mussten ohne ihren Fürsten die Belagerung von Châtel beginnen. So sehr war aber damals Herzog Nicolas den Interessen der französchen Politik noch ergeben, dass er auf Ansinnen König Ludwigs dem Marschall von Lothringen, Graf Johann v. Salm, den Befehl erteilen konnte, die Belagerung von Chätel aufzuheben und gegen Burgund zu marschieren). Die Lothringer hüteten sich jedoch wohlweislich, unmittelbar den Krieg gegen Burgund zu be- ginnen und weigerten sich, dem Befehle nachzukommen. Die Belagerung von Chätel konnten sie dennoch nicht zu Ende führen, als ein starkes Entsatzheer unter Peter von Hagenbach, dem burgundischen Landvogt am Oberrhein, herannahte?). Erneute ernste Vorstellungen der Ritterschaft bewogen dann endlich den jungen Fürsten, im Juli 1471 nach Lothringen auf- zubrechen und die Huldigung der Stände entgegenzunehmen ?). Nicht lange aber hielt ‘er es in den bescheidenen Verhältnissen seines Landes aus; er begab sich wieder nach Paris, und hier kam es zum offenen Bruch zwischen ihm und dem König.
Von zuverlässiger Seite wird erzählt, wie Herzog Nicolas jetzt den Bei- stand des Königs begehrt habe, um das Königreich Aragon zu erobern, wie dieser ihm aber nicht nur jede Hülfe abgeschlagen, sondern sich auch noch in beleidigenden Ausdrücken wider das Andenken Johanns von Calabrien er- sangen habe ). Das eine ist so wahrscheinlich wie das andere. Was er für Johann v. Calabrien unterlassen hatte, das hatte er vollends keinen Grund für Herzog Nicolas zu thun, und es war bekannt, dass der sonst so vor- sichtige König keine Bemerkung unterdrücken konnte, die ihm auf die Zunge kam, wenn sie ihm auch die grössten Ungelegenheiten zuzog. In dieser Hinsicht hatte der in seiner Art auch gross zu nennende Herr- scher einige Aehnlichkeit mit Friedrich dem Grossen von Preussen.
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2) Witte, zur Geschichte der burgundischen Herrschaft am Oberrhein in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins NF. Bd. 1,158 und jetzt Bernouilli, der Landvogt Peter von Hagenbach in den Beitr. zur vaterl. Geschichte herausg. v. d. hist. und antiquar. Gesellschaft zu Basel NF. Bd. 3, 366 ff. Nerlinger, Charles le Téméraire in den Annales de l'Est 1889 p. 534 schreibt mir unter Angabe meiner Citäte einfach nach.
3) Chronique de Lorraine.
#) Lud p. 8. Calmet II, 892 lässt den jungen Herzog noch wieder nach Paris zurückreisen und dann erst den Bruch mit König Ludwig erfolgen, um auf diese Weise die Angaben der beiden lothringischen Chronisten zu vereinigen. Hier macht sich eben eine Eigentümlichkeit der beiden Verfasser geltend, dass sie fast grundsätzlich versäumen, irgend eine chronologische Angabe zu machen, die als Anhaltspunkt dienen könnte. Man sieht eigentlich nicht ein, weshalb es für Herzog Nicolas noch einer zweiten Reise nach Frankreich bedurfte, um hinter die Absichten König Ludwigs zu kommen.
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Den toten Lüwen von Calabrien brauchte er nicht mehr zu scheuen; und die Entfremdung, die deshalb zwischen dem König und seinem Schwiegersohn entstand, konnte noch keinen Bruch herbeiführen. Herzog Nicolas war es jedoch müde, der ewige Bräutigam der Prinzessin Anna von Frankaeich zu sein und zusehen zu müssen, wie der König die Hand seiner Braut nach einander dem Herzog Karl von Burgund und dem Herzog von Bretagne antrug. Möglich ist es, dass er schon jetzt in geheime Unterhandlungen mit Karl von Burgund eintrat; denn wer nicht mit dem Könige ging, der ging mit Burgund. Seine Lage erheischte Vorsicht; König Ludwig machte nicht viele Um- stände. So entzog er sich dann im Mai 1472 durch die Flucht seiner unwürdigen Lage und kam glücklich nach Lothringen zurück }).
Es war natürlich, dass Herzog Karl aus dem Bruche zwischen dem König und dem jungen Fürsten Vorteil zu ziehen suchte. So- tort erschien eine Gesandtschaft zu Nancy, welche den Herzog für ein Bündnis wider König Ludwig gewinnen sollte. Da Lothringen in einem Kriege mit Frankreich schwerlich etwas gewinnen konnte, musste Karl andere Vorteile in Aussicht stellen; er bot Herzog Nicolas die Hand seiner einzigen Tochter Maria an. Damit eröffneten sich vor den Augen des Fürsten und seiner Räte die glänzendsten Aussichten. Wo blieb Frankreich, wenn dies Ehebündnis zur Ausführung ge- langte! Der Erbe von König René mochte sich bereits im Geist im Besitz der weiten burgundischen Staaten sehen, und er sowohl wie seine Ratgeber versäumten, das lockende Anerbieten darauf hin zu prüfen, ob es auch ernst gemeint war. Es konnte ihnen nicht unbe- kannt sein, dass Karl von seinen Freunden in Frankreich gedrängt wurde, seine Tochter mit dem Herzog von Guyenne, dem Bruder König Ludwigs, zu vermählen, und es war ebensowenig ein Geheimnis, dass zwischen dem Kaiser und Herzog Karl eifrig Verhandlungen gepflogen wurden über die Vermählung Maximilians von Oesterreich mit Maria von Burgund. Herzog Nicolas wird sich eben als den Bevorzugten, jene anderen als die Geprellten betrachtet haben und begab sich bald nach seiner Ankunft zu Nancy auf den Weg zu Karl von Burgund, den er am 20. Mai zu Arras?) traf. Karl befand sich auf dem Höhe- punkt seiner Macht, aufs neue an der Spitze einer Verschwörung fast aller Prinzen von Geblüt und der grossen Vasallen von Frankreich Ë 1) Der Vorwurf, der deshalb von der königlichen Partei wider ihn erhoben wurde, dass er die Prinzessin Anna sitzen gelassen hätte, ist daher unbegründet. Chron. de Jean de Troyes éd. Michaud, p. 299.
?) Lenglet Il, 201. Das hier abgedruckte Reisejournal Herzog Karls ist für die chronologische Feststellung der Ereignisse von hervorragender Wichtigkeit.
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und so furchtbar für König Ludwig, dass dieser bereit war, auf die Vorteile der letzten Jahre zu verzichten, um nur den Bund seiner Gegner zu sprengen. Niemand konnte Herzog Karl zur Verstärkung des Bundes willkommener sein als Herzog Nicolas, der Erbe von König René, der zukünftige Besitzer von Bar, Anjou und Provence. Schon am 24. Mai wurde zu Arras der Vertrag geschlossen, wodurch Herzog Ni- colas sich verpflichtete, dem burgundischen Fürsten mit ganzer Macht ge- sen jedermann ausser dem König Rene von Sicilien und dem Kurfürsten Friedrich von der Pfalz Beistand zu leisten und sein Land und seine festen Plätze ihm offen zu halten. Fernerhin gab es also keine Trennung mehr zwischen den beiden Burgund und den Niederlanden ; ungehindert konnten burgundische Truppen von hüben und drüben ihre Vereini- sung bewerkstelligen. — Die bedeutungsvolle Gegengabe von Karl war die Hand seiner Tochter, welche Herzog Nicolas jetzt in Mons be- suchen durfte. Das Ergebnis des Besuches war, dass nun auch die Prin- zessin ihrerseits am 13. Juni dem Herzog ein schriftliches Eheversprechen sab, jedoch unter der Bedingung, dass Herzog Nicolas alle seine Verpflich- tungen gegenüber ihrem Vater erfüllte; ebenso verpflichtete sich an dem- selben Tage Herzog Nicolas, Marie von Burgund heimzuführen. Der Pro- test, den die Prinzessin Anna von Frankreich auf Geheiss ihres Vaters durch den Bischof von Chartres wider diese Verlobung erhob ?), blieb wirkungslos und gab nur Zeugnis von der Erbitterung, die König Ludwig ergriffen hatte.
Die politische Lage hatte sich inzwischen durch den Tod des Herzogs von Guyenne gänzlich verändert, und König Ludwig war nicht mehr geneigt, jenen Vertrag, zu dem er sich nur in der schlimmsten Notlage verstanden hatte, zu vollziehen. Herzog Karl, der den Tod des Her- zogs von Guyenne dem König schuldgab, war in einem Zustand, welcher der Raserei nahe kam. In seinen Hoffnungen getäuscht, nahm er dafür Rache an Land und Leuten und zog unter grässlichen Verwüstungen bis vor Rouen, welches er vergeblich zu erobern suchte. Sein zukünf- tiger Schwiegersohn, welcher ihn auf diesem Zug begleitete, hatte sich mit einer kleinen, aber auserlesenen Schar Lothringer umgeben und zeichnete sich mit ihr namentlich vor Rouen aus. Das hinderte aber Herzog Karl nicht, seinem zukünftigen Schwiegersohn den Lauf- pass zu geben, nachdem der Feldzug beendet war. Am 5. No- vember musste Herzog Nicolas die burgundische Prinzessin ihres
1) Die Urkunden bei Lenglet III, 189 ff., die Bündnisurkunde auch bei Cal- met Ill Preuves 266. Aus dem raschen Abschluss der Verhandlungen darf man wohl den Schluss ziehen, dass dieselben schon vor dem plötzlichen Aufbruch des Herzogs Nicolas von dem königlichen Hof im Gange waren.
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Eheversprechens entbinden, die ihrerseits am 3. December dem Herzog sein Wort zurückgab D. Leider ist Näheres über den rätselhaften Vorgang nicht bekannt, namentlich ob Herzog Nicolas diesen Verzicht sanz freiwillig ausgestellt hat. So viel ist sicher, dass Herzogs Karl seine Tochter frei machen musste, um ihre Hand in den Unterhand- lungen mit Kaiser Friedrich, welche jetzt ernstlich in Gang kamen, verwerten zu könhen. Es ist wohl wahrscheinlich, dass dem jungen Herzog die bittere Pille in der Weise versüsst wurde, dass man ihm vorspiegelte, die Verhandlungen wegen der Vermählung der Prinzessin mit Maximilian von Oesterreich seien nicht ernstlich gemeint: man wolle den Kaiser hinter das Licht führen, um für den Augenblick einige Vorteile zu erlangen; in Wahrheit aber sei und bleibe er der Auser- wählte?). Wenigstens schieden die beiden Herren in Frieden aus einander und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Lothringen und Burgund blieben gewahrt; aber allerdings das Bündnis, welches jetzt nur Burgund allein Vorteile gewährte, blieb einstweilen unvollstreckt. In Lothringen aber, wohin Herzog Nicolas jetzt zurückkehrte, war end- lich Friede eingezogen, *) freilich nicht sehr zum Vorteil des Herzogtums : Anton von Neufchatel blieb Bischof von Toul, Epinal musste dem Sire v. Neufchatel steuern.
Im folgenden Jahre nahm Herzog Karl selbst das Eheprojekt ®) wieder auf, damit das verabredete Bündnis rechtskräftig würde und Herzog Nicolas völlig in den Bahnen seiner Politik wandelte; denn es handelte sich jetzt nicht mehr allein um die Verbindung mit Burgund, son- dern auch um den Zutritt zu seinen neuen Erwerbungen am Oberrhein 5). So schlug er ihm denn durch seinen Gesandten Meister Wilhelm . Protonotar von Clugny vor, dass Herzog Nicolas das Bündnis vollziehen möchte, worauf er dasselbe thun würde. Bezüglich der Ehesache er- klärte der Gesandte, dass Herzog Karl dieselbe zur Zufriedenheit des
1) Lenglet III, 193 ff.
?) Darauf deuten die Verhandlungen im folgenden Jahre hin. Nach dem, was Oliver de la Marche erzählt, gingen die beiden Fürsten nicht so friedlich auseinander, sondern Karl hätte Herzog Nicolas, als dieser das Heer verlassen wollte, die Erlaubnis erst gegeben, nachdem er jenen Verzicht ausgestellt hätte,
®) Lud p. 12.
#) Die Aktenstücke bei Calmet II, 268 ff.; Commines-Lenglet III, 255 ff.
5) Herzog Sigmund v. Oesterreich hatte durch den Vertrag von St. Omer am 9. Mai 1469 den Sundgau, die Landgrafschaft im Elsass, Breisach und den südlichen Schwarzwald mit den Städten Laufenburg, Rheinfelden, Säckingen und Waldshut für 50000 Goldgulden an Herzog Karl verpfändet; dieser übernahm dafür die Verpflichtung, Herzog Sigmund im Kriege wider die Eidgenossen Bei- stand zu leisten.
lothringischen Fürsten erledigen würde: diese Zufriedenheit deutete der Gesandte selbst dann so, dass Herzog Karl ihm seine Tochter zur Ehe geben würde. Auch wenn Herzog Nicolas nicht so üble Erfahrungen gemacht hätte, musste er doch eine deutlichere Erklärung seitens des burgundischen Hofes wünschen, und zwar handelte es sich dabei so- wohl um den Ehehandel, als auch darum, in welcher Reihenfolge die einzelnen Rechtsakte vor sich gehen sollten). Auch’am lothringischen Hof lebte man nicht so abgeschlossen von der Welt, dass man nicht wusste, dass König Ludwig und Herzog Karl sich gegenseitige an Treu- losigkeit und Wortbrüchigkeit überboten, wenn letzterer es auch liebte, gegenüber seinem königlichen Geener den Biedermann herauszukehren. Nach den bisherigen Erfahrungen musste man fürchten, dass, wenn Herzog Nicolas das Bündnis vollzog und öffentlich ausrufen liess und damit vor aller Welt mit Frankreich brach, Herzog Karl schon einen Vorwand finden würde, um mit der Vollziehung der Ehe zurückzuhalten. (Grösste Vorsicht war um so dringender notwendig, als alle Welt schon redete von der bevorstehenden Zusammenkunft des Kaisers mit Herzog Karl, auf der dann auch die Ehe zwischen Prinzessin Maria und Erz- herzog Maximilian verabredet werden sollte.
Einer der bewährtesten Männer, Jean Wisse, Herr von Gerbe- viller, Landvogt des deutschen Lothringens, wurde nun mit der schwie- rigen Sendung betraut, den burgundischen Hof zu einer deutlichen und bindenden Erklärung zu vermögen. Seine Sendung hatte einen teilweisen Erfolg. Herzog Karl erklärte, wenn Herzog Nicolas seine Tochter zur Gattin begehrte, wäre er es zufrieden und würde sie ihm geben. Damit schien sich Herzog Nicolas zu begnügen. Er erklärte sich am 4. Juni 1473 auch bezüglich der Vollziehung des Bündnisses bereit, dem Verlangen Burgunds nachzukommen und mit Frankreich demnach zu bre- chen; aber es war doch ein kleiner Unterschied des beiderseitigen Stand- punktes in der Aufeinanderfolge, wie er diese Dinge erledigt wissen wollte: danach sollte die Heirat voraufgehen, und wenn dann Herzog Karl das Bündnis vollzogen hatte, so wäre er bereit ein gleiches zu thun. Welche Antwort darauf vom burgundischen Hof erfolgte, ist nicht bekannt. Es scheint aber, dass Herzog Nicolas des Glaubens gewesen ist, dass alle Schwierigkeiten gehoben wären ; denn am 19. Juni bevollmächtigte er den Landvogt Jean Wisse, in seiner Vertretung sich mit der Prinzessin Maria kirchlich trauen zu lassen, und am 20. Juni ermächtigte er ebendenselben nebst seinem Generalprokurator Hugo d’Eulmont, in aller Form um
1) Warum sich die jetzt gepflogenen Verhandlungen, abgesehen von dem Ehevertrag, eigentlich drehten, ist Huguenin und Digot entgangen.
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die Hand der Prinzessin anzuhalten, sowie die Verhandlungen wegen Mitgift und Gegengabe abzuschliessen und alles was sich sonst noch bezüglich des Vollzuges der Heirat ergeben würde, zu erledigen). Mit der Sendung dieser beiden Herren kreuzte sich aber eine andere seitens des burgundischen Hofes; und aus der Instruktion des Herzogs ?) für den betreffenden Gesandten, seinen Kämmerer Anton de Montjeu, ergibt sich, dass man hier an dem alten Standpunkt festhielt: Erst sollte das Bündnis vollzogen und verkündet werden; eher könne Herzog Karl Ehren halber überhaupt nichts von der Ehe hören. Es ist zweifel- haft ob Herzog Nicolas diese neue Enttäuschung noch erlebt hat. Mitten unter den Zurüstungen für einen Feldzug gegen Metz begriffen, wurde er am 24. Juli von einer Krankheit ergriffen, gegen welche die Aerzte vergebens ankämpften; er erlag ihr am 27. Juli ?).
Damit erlosch der lothringische Zweig des Hauses Anjou in seinem Mannesstamm; König Rene sah sein Haus verödet und musste erleben, dass Sohn und Enkel vor ihm in die Grube fuhren. In Lothringen aber kam das alte Herrschergeschlecht wieder zu Ehren, und damit war die Bürgschaft gegeben, dass jene abenteuerliche Politik des Hauses
1) Digot 1. c. 162 setzt irrtümlich diese beiden Aktenstücke gleichzeitig mit dem Schreiben des Herzogs vom 4. Juni.
?) Dies Aktenstück bei Commines-Lenglet III, 257 ist von Digot übersehen worden.
®) Und nicht am 27. Juni, wie Digot p. 163 falsch angibt. Es war natürlich, dass die verschiedenartigsten Gerüchte über die Ursache des Todes in Umlauf waren und man namentlich von Vergiftung durch König Ludwig munkelte. Ich kann in dieser Hinsicht einen interessanten Bericht des Metzer Stadtboten Anthonie Wishor mitteilen, der Sonntag St. Jakobstag (Juli 25) mit Briefen der Stadt Metz gen Nancy kam. Der Herzog wäre am Samstag Abend zwischen 8 und 9 Uhr gestorben. Er und sein Narr wären nämlich am Mittwoch mit einander auf die Buhlschaft gegangen in eines Schuhmachers Haus, und als sie wieder aus dem Haus die Treppe ab gehen wollten, habe der Narr seinen Herrn mit einem Kübel Wasser beschüttet. Indem dieser aber dem Wasser entfliehen wollte, fiel er die Stiege hinab, wohl 4 oder 5 Staffeln hoch, und so hart, dass er ohnmächtig davon ward. Da nahm der Narr eine Birne und schälte sie, um sie seinem Herrn zur Labung zu geben, und der Herzog ass dieselbe. Sofort danach habe er aber seredet: ich enpfind und wurd gewar, dass ich sterben müss und mins lebens nit mer ist, und er sei darauf stark aufgeschwollen und gestorben. Darauf wäre die Gemeinde zu Nansse vor die Kirche St. Georg gestürmt, als die Räte die Messe hörten, und hätte die Auslieferung des Narren verlangt. Das geschah; er wurde in einem Fass Hafer aufgefunden und hätte ungenöligt gestanden, dass er den Herzog mit einer Birne vergiftet und auch den „alten Herrn“ in dieser Weise ver- geben hätte. Die Birne wäre ihm aber aus Frankreich gekommen von einem, der auch am Lothringer Hof gewesen — Strbg. St. A. AA. 264.
Anjou aufhörte, der Gut und Blut vom Lande nutzlos zum Opfer ge- bracht worden war, dass von jetzt ab allein die Interessen des Landes zu Rate gezogen wurden.
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Herzog Nicolas hatte sein Land in sehr bedenklicher Lage hinter- lassen. Von König Ludwig hatte er sich abgewandt, um dafür in Herzog Karl einen höchst eigennützigen Freund zu gewinnen. Am deut- schen Reiche einen Rückhalt zu erlangen, hatte er überhaupt nicht versucht; wie sein Vater und Grossvater hatte er immer gelebt und sich gefühlt als ein französischer Prinz. Das Land stand vor einer ungelösten Frage: das Bündnis mit Burgund war noch nicht vollzogen, und mit dem Tode des jungen Fürsten hatte sich die Sachlage voll- ständig geändert. Das Bündnis, früher erwünscht, brachte jetzt nur Nachteile für das Land: Lothringen wurde unheilbar mit Frankreich ver- feindet, allen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt und hatte ausserdem die schwere Last des Durchzuges der burgundischen Truppen zu tragen, ohne dass Karl von Burgund einen Vorteil dafür bieten konnte. Auf der anderen Seite war selbst eine Neutralität des Landes unverträglich mit den Interessen des mächtigen Nachbarn. Nachdem sich Karl von den französischen Angelegenheiten abgewandt und mit seiner ganzen Thatkraft den deutschen Verhältnissen zugewandt hatte, seitdem sein ganzes Streben darauf gerichtet war, jenes alte lotharingische Reich wiederherzustellen, welches er sich etwas nebelhaft als das alte Königreich Burgund vorstellte, das da reichen sollte von der Mündung des Rheinstroms bis zur Mündung der Rhône, war es für ihn ein un- bedingtes Erfordernis, über Lothringen verfügen zu können, sei es in Güte, sei es mit Gewalt. Ebenso gespannt aber beobachtete sein Nebenbuhler die Entwicklung der Verhältnisse in Lothringen; was Karls Vorteil war, das war König Ludwigs Nachteil und umgekehrt, und insofern war diesem nichts erwünschter gekommen als der Tod von Herzog Nicolas. Jetzt liess sich vielleicht erreichen, dass Lothringen zu Frankreich hinübergezogen und so dem Herzog beim Wiederaus- bruch des Krieges mit Frankreich der Weg nach Burgund verlegt wurde.
Unter diesen Umständen war demnach die Ordnung der Thron- folge für beide Teile von höchster Bedeutung. In der Versammlung der Edlen, die zu Nancy stattfand, wurden verschiedene Meinungen laut; es war die Rede von König Rene, gegen den mit Recht geltend gemacht wurde, dass die ernste Lage einen jugendlich kräftigen Herr- scher verlangte; man nannte auch den Sohn des Markgrafen von Baden,
welcher die zweite Tochter von Herzog Karl IL geheiratet hatte; aber eigentlich konnte überhaupt kein Zweifel möglich sein. So wie beim Erlöschen des Mannesstammes des herzoglich lothringischen Hauses die Herrschaft an die älteste Tochter von Herzog Karl und damit an das Haus Anjou gekommen war, so musste die Herrschaft beim Erlöschen des Mannesstammes der lothringischen Anjou an die älteste Tochter von König René und Isabella von Lothringen gelangen. Das war Yolande v. Anjou, welche ihre Hand dem ritterlichen Sohne Antons de Vaudémont, Ferry von Lothringen Graf von Vaudémont, gereicht hatte. Der Gatte hatte wacker an der Seite seines Freundes, Schwagers und Lehnsherrn Johann v. Calabrien gefochten, zuletzt in Katalonien den Todeskeim eingesogen und war im Jahre 1470 seinem Herrn im Tode voraufgegangen. Die Witwe hatte bis dahin in Trauer um den Gatten, den sie abgöttisch verehrte, ihre Tage zu Joinvillle zugebracht. Jetzt sandte sie den alten Diener ihres Hauses, Thomas v. Pfaffenhofen, nach Nancy, welcher die Ansprüche seines Herrn, des jungen Grafen René v. Vaudemont, darlegte. Nach längerer Beratung entschied die Versammlung für Herzog Rene, und die Gesandten des Markgrafen Karl von Baden wurden mit ihren Ansprüchen abgewiesen!). Weniger verbittert wäre Graf Anton v. Vaudémont zu seinen Vätern ge- gangen, wenn er diesen Ausgang der Dinge hätte ahnen können, durch den das alte Herzogsgeschlecht nun doch noch wieder zu Ehren kommen sollte.
An sich genommen hätte Herzog Karl, so wie die Dinge nun ein- mal lagen, mit dem Wechsel wohl zufrieden sein können. Die Ueber- lieferungen des Hauses Vaudémont wiesen auf Burgund; der Grossvater des jungen Herzogs, der tapfere Graf Anton, verdankte es der Unter- stützung Philipp's des Guten, dass er im Kampfe gegen seinen Neben- buhler es immerhin dahin gebracht hatte, dass dieser gezwungen war, jene Familienverbindung mit dem Gegner einzugehen, durch welche sein Enkel durch merkwürdige Fügung Herzog von Lothringen geworden war. Und auch jetzt wäre eine Verbindung mit Burgund möglich ge- wesen, wenn Herzog Karl mit Lothringen als gleichberechtigter Macht hätte verkehren wollen und nicht in seiner brutalen Weise das Recht des Stärkeren zur Anwendung gebracht hätte; denn was Herzog Karl verlangte, war nicht Bündnis, sondern Unterwerfung. Mit der Hand seiner Tochter konnte er den neuen Herzog nicht ködern: denn Rene war trotz seiner 22 ‚Jahre bereits seit 2 Jahren verheiratet mit Jeanne d’Harcourt, Gräfin von Tancarville. Andere Vorteile bieten wollte Herzog Karl nicht, und so wäre es immerhin schon möglich gewesen,
1) Lud p. 14.
— 26 — dass Karl, um aller Sorgen ledig zu sein, durch einen Handstreich ver- sucht hätte, sich der Person des jungen Fürsten zu Joinville zu be- mächtigen. König Ludwig aber, sobald er dies in Erfahrung gebracht, hätte seinerseits einen Neffen des Kaisers, der zu Paris studirte, ge- fangen zesetzt und erklärt denselben nicht eher freizulassen, als bis auch Herzogs René freigelassen wäre. Darauf hätte Herzog Karl aus Rücksicht auf den Kaiser die Freilassung des jungen Fürsten ange- ordnet"). An sich genommen wäre diese Nachricht nicht unwahr- scheinlich. Karl von Burgund bekümmerte sich ebensowenig um die dürftisen Satzungen des damals geltenden Völkerrechts, sobald es seinen Vorteil betraf, wie sein Gegner König Ludwig; und so wie er durch die widerrechtliche Gefangennahme des Herzogs von Geldern in den Besitz dieses Herzogstums gekommen war, wie er sich später in derselben Weise der Grafschaft Mümpelgart zu bemächtigen suchte, wie er sogar kein Bedenken trug, sich der Person der Herzogin-Regentin v. Savoyen mit ihren Kindern zu bemächtigen, trotzdem sie alles für ihn geopfert hatte, ebenso würde er keinen Augenblick gezögert haben, den jungen Rene in seine Gewalt zu bringen, wenn er sich auf diese Weise in den Besitz von Lothringen setzen konnte. Einerseits aber konnte Herzog Karl überhaupt noch nicht wissen, welche Wege der junge Vaud&mont einschlagen würde. Warum sollte er ihm nicht Heerfolge leisten, wenn Karl ihm dafür zum Beispiel zu den Besitzungen des Hauses Anjou in Frank- reich verholfen hätte? Und wer sollte nun der kostbare Neffe von Kaiser Friedrich sein, um dessen willen Herzog Karl vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, wo er es nicht musste, Rücksicht geübt hätte? Ver- wandt waren mit Kaiser Friedrich nur das kurfürstliche Haus von Sachsen und das markgräfliche von Baden; es ist nicht bekannt, dass ein Mitglied dieser Häuser damals zu Paris studirt hätte. Und schliesslich, wann wäre Kaiser Friedrich jemals prüde gewesen, wenn es den Nutzen seines Hauses betraf? Wenn Herzog Karl semem Sohne unter der Mor- sengabe seiner Tochter auch das Herzogtum Lothringen hätte darreichen können, Kaiser Friedrich hätte sich wahrlich nicht um das Schicksal irgend eines Neffen gekümmert. So muss die Nachricht in dieser Form un- wahrscheinlich erscheinen, zumal sie sich allein bei Jean de Troyes findet; die Lothringer Berichterstatter, die mitten in den Ereignissen stehen, be- richten weder jetzt irgend etwas davon, noch nehmen sie Veranlassung, später diesen Gewaltstreich von Herzog Karl zu erwähnen; und es ist nicht anzunehmen, dass sie diese kostbare Gelegenheit hätten vorüber-
1) Allein Forster Kirk, history of Charles the Bold II, 271 hat bisher diese Nachricht der Chron. von Jean de Troyes p. 306 angezweifelt.
CT. D
gehen lassen, ohne einen Stein auf Herzog Karl zu werfen. Etwas wahres steckt allerdings dahinter; die persönliche Sicherheit des jungen Fürsten war ebensosehr gefährdet, wie Lothringen von einer burgun- dischen Invasion bedroht; denn die mächtigen Heerhaufen, mit denen Karl das Herzogtum Geldern erobert hatten, sie zogen jetzt die Maas und Mosel aufwärts und lagerten einstweilen im Herzogtum Luxemburg, ohne dass jemand Rechenschaft geben konnte, was mit ihnen beabsichtigt wurde. Die verschiedensten Gerüchte schwirrten in dieser Hinsicht durch die Luft. Man sprach von einem Handstreich auf Aachen, auf Metz, von einem Unternehmen gegen Lothringen, um das Herzogtum zu unter- werfen, von einer Pilgerfahrt Herzog Karls nach Dijon, um die Gebeine des Vaters beizusetzen, von einem Besuch in den neuen (Gebieten am Oberrhein: auf alle Fälle war das Gefolge des Herzogs für friedliche Absichten zu gross, für kriegerische Unternehmungen gerade gross genug. Wenn aber Herzog Karl mächtige Heerhaufen in der Nähe von Loth- ringen anhäufte, so versäumte König Ludwig nicht das Gleiche zu thun: er entsandte den Sire de Craon mit 500 Lanzen, um die Grenzen der Champagne zu behüten und auf die Bewegungen des Burgunders genau acht zu geben. Lothringen war wie zwischen Hammer und Amboss. Auf die eine oder andere Weise musste Herzog René sich entschliessen Stellung zu nehmen. Für das Herzogtum wäre es am besten gewesen, wenn es nun einmal nicht möglich war, neutral zu bleiben, sich an Burgund anzuschliessen ; aber Karl selbst hatte ein solches Bündnis unmöglich gemacht, insofern er die Selbständigkeit und Unab- hängigkeit des Landes bedrohte. Herzog René hätte unter den übrigen burgundischen Grosswürdenträgern Platz nehmen können. Zudem drohte ihm im Fall eines Bündnisses mit Burgund der Verlust von Bar und Anjou, und es war nicht zu erwarten, dass Herzog Karl sich an- strengen würde, den Verlust zu verhüten oder seinen Verbündeten zu entschädigen. So entschied sich der junge Fürst für das französische Bündnis. Besser wäre es freilich gewesen, er hätte diese Entscheidung noch hinausgeschoben, so lange Herzog Karl mit solcher Truppenmacht in unmittelbarer Nähe stand: denn es war vorauszusehen, dass ein solches Bündnis unmittelbar Gegenmassregeln von Herzog Karl hervor- rufen würde. Das war auch der Rat der Lothringer Herren, welche König Ludwig zu gut kannten, um irgend ein Vertrauen auf seine schönen Worte zu setzen. Herzog René besass aber die Vertrauens- seligkeit der Jugend. und als König Ludwig gleich bei dem Regierungs- antritt des jungen Fürsten seine Gesandten zu ihm schickte !), um
1) Digot p. 228 nennt Marrazin und Jean de Paris.
über ein Bündnis zu verhandeln, da betraute er nicht etwa seine be- währten Lothringer Räte, sondern zwei Herren aus dem Anjou, aller- dings alte Diener seines Hauses, Charles u. Achilles de Beauveau, sowie Nicolaus Merlin, einen Bürger aus Bar, mit denselben die Bedingungen des Vertrags zu entwerfen. Die lothringischen Bevollmächtigten trugen dann auch in dem Vertrag, der am 27. August zu Neufchäteau abgeschlossen und von Herzog René zu Joinville vollzogen worden war, mehr den Wün- schen ihres Königs als dem Nutzen des Landes Rechnung, und es war zum mindesten eine grosse Sorglosigkeit, dass man sich angesichts der ernsten Gefahr, die dem Lande von dem nahestehenden burgundischen Heere drohte, mit einem allgemeinen Hülfeversprechen des Königs be- enügte und nicht in genauester Weise das Mass seiner Verpflichtungen festsetzte‘). Im Lande aber wurde das Bündnis mit grossem Miss- verenügen aufgenommen, namentlich seitens der Ritterschaft, die nicht viel danach fragte, dass Lothringen in Abhängigkeit von Burgund geriet, wenn sie in burgundischen Diensten Ruhm und Ehre davontrug.
Der Vertrag konnte nicht verborgen bleiben, und Karl wurde dadurch nur noch mehr in der Absicht bestärkt, sich Lothringen völlig unterwürfig zu machen. Er traf auch seinerseits Vorkehrungen und gewann zuerst den Bischof von Metz Georg von Baden, dass er ihm die Hand zu einem Bündnisse bot. Der Bischof von Metz, welcher die löbliche Absicht hatte, die seinem Bistum entfremdeten Gebiete wieder herbeizubringen, hatte allerdings alle Veranlassung auf Lothringen erbittert zu sein, das dem Bistum zuletzt noch Saarburg entrissen hatte, aber kurzsichtig war es doch und es gemahnt an die bekannte Fabel, wenn er sich jetzt mit dem gewaltigen Herzog von Burgund verband, um auf Lothringen Jagd zu machen; das Schicksal des Bischofs von Lüttich hätte ihn warnen können. In dem Bündnis, welches beide Fürsten am 29. September mit einander schlossen, ver- pflichtete sich Herzog Karl, dem Bischof unter Umständen mit Waffen- sewalt zur Wiedererwerbung von Saarburg behülflich zu sein; hingegen sab der Bischof als Gegenleistung seine Zustimmung, dass die burgun- dischen Truppen frei ihren Weg nehmen durften durch das Gebiet des Metzer Bistums, und ermächtigte den Herzog, Nomeny, St. Avold, Baccarat, Frei- burg, Delme und Rambervillers, Besitzungen der Metzer Kirche, welche im Laufe der Zeit. an die Herzöge von Lothringen verpfändet worden waren, wieder auszulösen; Karl aber übernahm als Gegenleistung Epinal dem Bischof zurückzugeben, welches dieser dann allerdings zur Hälfte
1) Joannes Lud erhebt p. 17 diesen Vorwurf gegen die Bevollmächtigten von Herzog Rene.
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mit Karl teilen sollte‘). Damit hatte Karl es in der Hand, als Bundes- senosse des Bischofs von Metz René zu jeder Zeit den Krieg zu er- klären, wenn er jene Plätze nicht gutwillig herausgab. Und während Herzog Karl sich diese gefährliche Waffe schmiedete, häuften sich die burgundischen Truppen im Norden und Süden, in Luxemburg und Burgund an der lothringischen Grenze immer mehr an. Auf seine Be- schwerde erhielt Herzog René die tröstliche Antwort, dass diese Truppen lediglich dazu bestimmt wären ihn zu beschützen, wenn ihn jemand in dem Besitz seines Herzogtums stören wollte. Es nützte dem jungen Fürsten nichts, wenn er für diese edle Absicht dankte und bemerkte, dass er keinerlei Widerstand in seinem Herzogtum fände?). Was blieb René übrig, als seinem besorgten Freunde zum Dank für dieses Wohlwollen die Hand zum Bunde zu reichen? Vergebens machte er geltend, dass er bereits mit König Ludwig im Bunde stände ; für Karl war das eine Veranlassung mehr, um seinerseits darauf zu bestehen, dass Herzog Rene das Bündnis seines Vorgängers jetzt zum * Abschluss brachte. Vergebens wandte der Lothringer sich in seiner Hülf- und Ratlosigkeit an König Ludwig; der rührte sich nicht, und so blieb Herzog René nichts anderes übrig, als am 15. October den Vertrag von Nancy mit Herzog Karl abzuschliessen °).
Der Vertrag von Nancy lässt sich nur durch die Zwangslage er- klären, in welche Herzog René durch den voreiligen Anschluss an 1) Calmet II, 956.
2) Lud p. 16.
3) Huguenin p. 27 ff. lässt sich durch die unrichtige Erzählung der Chron. de Lorraine irre machen, und da er ausserdem den Wortlaut des Vertrages nicht kennt, wird seine Darstellung unbrauchbar. Erst am Schluss seines Buches druckt er den Vertrag ab, hat aber seinen Text nicht mehr umgestaltet. Woher er seine Nachrichten nimmt über die dem Abschluss des Vertrages vorausgehende Sitzung des lothringischen Rats und die dort gehaltenen Erörterungen, ist mir nicht bekannt; in den Quellen steht nichts darüber. Digot schreibt dies ohne Prüfung nach und lässt nur noch Herzog Karl eine längere Rede über die Treu- losigkeit König Ludwigs halten. Dabei ist ihm ein eigentümliches Missgeschick
zugestossen. Indem er sich lediglich an den Text von Huguenin hält, hat er gar nicht bemerkt, dass dieser den Vertrag am Schlusse des Buches veröffentlicht hat, und sagt nun, dass weder Text noch Datum des Vertrags bekannt sei. Jedoch schon Sismondi, histoire de France XIV, 407, kannte das Datum des Vertrages, und Gachard hat in seiner Ausgabe der histoire des ducs de Bourgogne von Ba- rante p. 708 aus dem Archiv von Dijon Regesten jener Urkunden veröffentlicht, welche in ihrer Gesamtheit den Vertrag von Nancy bilden. Darauf und auf dem von Huguenin abgedruckten Vertrag beruht unsere Darstellung. Es wäre zu wünschen, wenn ein Mitarbeiter der Annales de l'Est die bezüglichen Urkunden veröffentlichen oder doch mehr ans Tageslicht ziehen würde.
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Frankreich geraten war. Ohne irgend welche Gegenleistung zu em- pfangen, musste er sich zu den drückendsten Zugeständnissen verstehen. Nicht nur musste er und seine Mutter auf die Allianz mit Frankreich verzichten und sich damit jeder selbständigen Politik begeben, sondern nun auch den freien Durchzug der burgundischen Truppen gestatten von den beiden Burgund nach den nördlichen Landschaften und um- sekehrt. Herzog Karl wusste am besten, dass nur die Not des Augen- blicks dem jungen Fürsten diesen Vertrag abgepresst hatte, und um ihn dabei festzuhalten, hatte er noch höchst beschwerliche Bedingungen hinzugefügt, durch die Herzog Rene vollends alle Selbständigkeit verlor. Herzogs Karl wusste, wie die lothringische Ritterschaft in ihrer Mehr- heit die französische Politik ihres Herrn nicht billigste, und so sollten die Edlen des Landes mit ihren Siegeln die Einhaltung des Vertrags verbürgen; ausserdem sollte der Herzog René für die Bewachung der- jenigen Plätze, die für den Durchmarsch der Burgunder von Wichtigkeit waren, nur solche Männer bestellen, welche Herzog Karl genehm waren. Das sah einer Einräumung von Sicherheitsplätzen an Burgund wie zur Zeit von Herzog René I. in verzweifelter Weise ähnlich. Welche Plätze das aber sein sollten, war in dem Vertrage noch nicht ausgemacht. Dem- semäss verbürgte sich am 18. November 1473 die lothringische Ritter- schaft, Graf Johann v. Salm an der Spitze, für die Aufrechterhaltung des Vertrages). Es waren dann auch die Plätze ausgemacht, welche die Sicherheit des Durchmarsches der Burgunder gewährleisten sollten: Es waren Epinal, Darney, Charmes, Dompaire und Amance?); der sanze Lauf der oberen Mosel gelangte damit vollständig unter burgun- dischen Einfluss. Befehlshaber zu Epinal wurde Jakob, Rheingraf von Salm Herr von Roizla, zu Darney Andreas v. Haraucourt, Sire de Brandenbourg, zu Charmes Caspar v. Raville, und die beiden letzteren Herren standen wenigstens vollständig unter burgundischem Einfluss ?). Sie sowohl wie die Schultheissen von Dompaire und Charmes mussten am 1. December zu Vézélize in die Hände von Renier Mansella, Statthalter
1) Gachard 1. c. 74 lothringische Edle hingen der Bürgschaftsurkunde ihre Siegel an.
?) Die Chronique de Lorraine nennt Epinal, Darney und Prény, Lud p. 16 Epinal, Neufchâteau, Charmes et autres; Calmet II, 1010 nennt noch andere ; alle diese Angaben sind nach unserem Text zu berichtigen.
#) Andreas von Haraucourt hatte durch Heirat mit Margarete v. Finstingen die Herrschaft Brandenbourg bei Diekirch in Luxemburg erworben. Publications de la société etc. des monuments historiques dans les Grand-Duché de Luxem- bourg IV, 140. Die. Raville, so benannt nach dem luxemburg. Lehen zwischen Metz und St. Avold, waren überhaupt ein luxemb. Geschlecht. Publications L ce. VII, 55.
von Nimwegen und dem luxemburgischen Rate Anton Girart den Eid ablegen, wohl und gut den Durchgang der Burgunder zu behüten, wie er im Vertrage festgesetzt worden war !).
Somit war Lothringen dem Herzog von Burgund vollständig aus- seliefert; die einzige Gegengabe, welche Herzog Karl leistete, war das Versprechen, Herzog René mit aller Macht zu schützen, wenn der König v. Frankreich Lothringen oder andere Länder desselben angriffe. Was aber hatte Lothringen von Frankreich zu befahren? Die Zusage konnte höchstens Wert erlangen, wenn König Rene die Augen schloss und König Ludwig versuchte die Erbschaft an sich zu ziehen. Das scheint aber gar nicht die Absicht dieses Artikels zu sein, sonst wäre ausdrücklich darauf Bezug genommen, sondern es werden damit die Besitzungen gemeint sein, welche Herzog René in Frankreich als Mit- gift und Erbe seiner Gattin zukamen. Kurz gesagt also, Herzog Karl nahm alles und gab nichts und machte es dadurch Herzog René un- unmöglich, bei dem Bündnis zu verharren. Ja, René hatte sogar allen Grund zu fürchten, dass dieses Bündnis nur der Anfang zur völligen Einverleibung Lothringens wäre. Es konnte zu Nancy nicht verborgen bleiben, dass Herzog Karl bei seiner Zusammenkunft mit dem Kaiser zu Trier Pläne betrieb, die auf nichts geringeres ab- zielten als auf die Errichtung jenes Königreichs Burgund, von dem auch Lothringen ein Teil werden sollte. Es ist bekannt, wie diese Pläne scheiterten an dem Widerspruch der deutschen Fürsten und der Kaiser sich allen Verlegenheiten durch eine fluchtartige Abreise entzog. Für den Augenblick konnte Herzog René erleichtert aufatmen?). Karl war aber keineswegs geneigt, seine Pläne aufzugeben, und bald darauf hielt er vor seinen burgundischen Ständen zu Dijon eine Rede über die Herrlich- keit des alten Königreichs Burgund, welches die Könige von Frankreich in ein lehenspflichtiges Herzogtum verwandelt hätten; jetzt könne er seine Absichten noch nicht verkünden, aber die Zukunft werde es erfahren. Das war geheimnissvoll aber doch deutlich gesprochen; in Lothringen
1) Gachard I. ec. Die Chron. de Lorraine zeigt sich über diesen wichtigen Vertrag so wenig unterrichtet, dass dadurch meiner Ansicht nach schon der Be- weis erbracht ist, dass der Sekretär von Herzog René der Verfasser nicht sein kann.
?) Der Aufenthalt Herzog Karls zu Nancy vom 15.—18. Dezember bei seinem Zuge nach Dijon kommt für den Gang der Ereignisse nicht in Betracht; man kann es höchstens auffallend finden, dass Karl es ablehnte, im herzoglichen Palast abzusteisen, sondern bei dem wegen Fälschung abgesetzten Generaleinnehmer Vautrin Malhoste de Bayon Wohnung nahm. Lepage 1. e. p. 303 möchte vermuten, dass Karl damals Verbindungen mit einem Teil des Lothringer Adels anknüpfte.
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konnte man es sich merken, dass es im Plane Herzog Karls stand, das Land im günstigsten Falle zu einem Lehen der neuen Krone Bur- sund zu machen.
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Es war natürlich, dass Herzog René unter diesen Umständen nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, die lästigen Fesseln von sich zu werfen. Grösste Vorsicht war aber hierbei nötig, zumal nun auch die gesamte Ritterschaft den Vertrag gewährleistet hatte. Einstweilen blieb nichts anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen; eine Besserung der Lage konnte nur dann eintreten, wenn Herzog Karl in neue Verwicklungen geriet. Insofern waren die Ereignisse, die sich im Frühjahr am Oberrhein abspielten, auch für Lothringen von grösster Bedeutung). Nur unwillig hatten jene kerndeutschen Landschaften, welche Herzog Sigmund von Oesterreich-Tyrol durch den Vertrag von St. Omer an Karl den Kühnen von Burgund verpfändet hatte, sich in diese Wendung der Dinge gefügt, und die schlimmsten Befürchtungen wurden durch das tyrannische Regiment des burgundischen Landvogts Peter von Hagenbach gerechtfertigt. Nicht minder aber fühlten sich die Eidgenossen und die elsässischen Reichsstädte durch das Auftreten dieses Mannes bedroht, der ihnen mehr oder weniger mit dürren Worten das Herannahen der burgundischen Herrschaft angekündigt hatte. Am Oberrhein schlossen sich die Bischöfe von Strassburg und Basel und die vier Städte Strassburg, Basel, Colmar und Schlettstadt zu der sogenannten Niederen Vereinung?) zusammen und reichten die Hand den Eidgenossen zum Bunde. Geschickt hatte der berech- nende französische Herrscher diese Verhältnisse benutzt und das Un- mögliche fertig gebracht, emen Frieden zwischen den Eidgenossen und dem Herzog Sigmund zu vermitteln. Herzog Sigmund trat jetzt der Niederen Vereinung bei, und die genannten vier Städte schossen dem Fürsten das Geld vor, um die verpfändeten Lande wieder auszulösen ; aber noch vorher hat sich das Land erhoben und das burgundische
1) Cfr. über diese Verhältnisse meine Abhandlungen: Zur Geschichte der Entstehung der Burgunderkriege. Herzog Sigmunds von Oesterreich Beziehungen zu den Eidgenossen und Karl dem Kühnen von Burgund. Hagenau, Progr. 1884 ; sowie: Zur Geschichte der burgundischen Herrschaft am Oberrhein und: Der Zusammenbruch der burgundischen Herrschaft in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins. Neue Folge Bd. I. u. IL
2) Ihre hohe Bedeutung für Lothringen wird sich im Verlauf dieser Ab-
handlung ergeben.
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Joch abgeschüttelt. Hagenbach ward zu Breisach gefangen gesetzl und auf Betreiben der Niedere Vereinung und der Eidgenossen hinge- richtet. Schwere Verwickelungen mussten daraus für Lothringen ent- stehen. Schickte sich Herzog Karl an, die Hinrichtung seines Land- vogts zu rächen, so hatte das Land schwer zu leiden unter den endlosen Durchzügen der burgundischen Truppen ; Herzog René hatte ausserdem in diesem Falle Feindseligkeiten zu befürchten von den Eidgenossen und der NiederenVereinung, und leicht konnte Lothringen der Schauplatz des verhee- renden Krieges werden. Auf der anderen Seite hatte Herzog Rene jetzt einen willkommenen Rückhalt, wenn der burgundische Druck allzuschwer lastete, während sich auch bei der Niederen Vereinung frühzeitig der Gedanke regte, ob man in Herzog René nicht einen Bundesgenossen gewinnen könnte ?).
Es ist bekannt, wie die Nachricht von der Hinrichtung Hagen- bachs Karl anfangs in Raserei versetzte, und sein erster Gedanke war. wider das Elsass zu ziehen. Dann schob er aber die Rache auf bessere Zeiten auf. Weitaussehende Pläne beschäftigten ihn. Von dem nichts- würdigen Erzbischof Ruprecht v. Köln war er zu Hülfe gerufen wider seine Stände; zunächst gedachte er diesem und sich selbst das Erz- bistum zu unterwerfen und danr die Strafe für die Erhebung an den Bewohnern des Oberrheins zu vollziehen. Indem er nun schon ganz in diesen Entwürfen schwelgte, konnte er der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten mit Frankreich nicht geneigt sein; er willigte ein in eine Verlängerung des bisherigen Waffenstillstandes, war aber nicht zu bewegen. denselben länger zu erstrecken als bis zum 1. Mai 1475. Bis dahin hoffte er am Rheine fertig zu sein, um im Verein mit seinem Schwager König Eduard v. England die Waffen gegen Frankreich zu kehren und diesem zu Reims die Krone aufzusetzen. Dafür hatte er sich neben andern französischen Landschaften in dem am 25. Juli 1474 abgeschlossenen Vertrage auch das Herzogtum Bar, das krbe von Herzog René, versprechen lassen. Das war die Bundestreue von Herzog Karl gegen seinen Bundesgenossen René von Lothringen. König Lud- wies Politik war jetzt darauf gerichtet, dem Herzog immer neue Gegner zu erwecken. um die gefürchtete Vereinung mit England zu hinter- treiben. Dahin gehörte es nun. wenn er versuchte. Herzog Rene zu jener Koalition herüberzuziehen, die für ihn kämpfen sollte, während er die‘ Vorteile davon erntete?).
1) Abschied des Tages der Niederen Vereinung zu Molsheim, ohne Datum 1474 Mai-Juni. Strbg. St.-A. AA. 266.
?) Ich verweise auf meine in dem nächsten Heft der Zeitschrift zur Ge- schichte des Oberrheins erscheinende Abhandlung .Das Kriegsjahr 1474°.,
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Die Lage des Herzogs war seitdem entschieden noch viel miss- licher geworden. Der Herzog von Burgund hatte das Reich mit Krieg überzogen, und dieses schickte sich langsam an, den Eindringling zurück- zuweisen. Wie sollte Herzog René sich dazu stellen! Sollte er auf Seite Burgunds an dem Krieg gegen seinen obersten Lehnsherrn teil- nehmen? Der Vertrag von Dijon verpflichtete ihn, die burgundischen Truppen durch sein Land ziehen zu lassen: der freie Durchzug der burgundischen Truppen musste aber von seiten des Reichs nach- drückliche Beschwerde hervorrufen. Eben jetzt erschien eine Ge- sandtschaft der Niederen Vereinung an seinem Hofe, um ihn zum Beitritt zur Niederen Vereinung zu bewegen; wenn sie damit zunächst keinen Erfolg hatte. so konnte sie das wenigstens verlangen, dass er die Gebote der Neutralität beobachtete"). Dazu kam, dass sein Land sehr schwer von diesen durchziehenden Truppen zu leiden hatte, die nahmen. was sie fanden , ohne etwas dafür zu be- zahlen. Unter diesen Umständen hielt König Ludwig den Zeitpunkt sekommen, um aufs neue den Versuch zu machen, Herzog Rene von dem Bündnis mit Burgund abzuziehen. Der Herzog zeigte sich anfangs zurückhaltend, indem er auf die Folgen hinwies, die seinem Lande aus einem Bruche mit Burgund erwachsen könnten, aber schliesslich musste er sich schon mit Rücksicht auf das Erbe, dass ihm vom Grossvater zufallen musste , entgegenkommend zeigen. Nach der Antwort, welche der Herzog den beiden Unterhändlern des Königs, Achill und Karl de Beauveau, erteilt hatte, sandte König Ludwig zwei neue Gesandte, Jehan de Paris und den Kapitän de la Charite, welche nun mit dem Herzog die Grundlinien des Vertrages vereinbarten ?). Nachdem es nun einmal so weit gekommen war, warf sich jetzt Herzog René dem König völlig in die Arme. Indem er auf das Bündnis mit Herzog .Karl ausdrücklich verzichtete und sich selbst für sein Her- zogtum Lothringen als Bundesgenossen und Diener des Königs erklärte, leistete er in die Hände der königlichen Gesandten den Eid, dem König mit seiner Macht wider Herzog Karl und alle andere Feinde des Königs und des Königreichs, die dasselbe bekriegen würden, Beistand zu leisten; und denselben Eid leistete auch die Herzogin-Mutter. Die königlichen Gesandten selbst hatten Bedenken gegen einen Eid in solcher Fassung, da dem König keine Gewalt über das Herzogtum zustände; der Herzog beseitigte dann diese Bedenken, indem er sich für sein Herzog-
1) Lud p. 19.
”) Chron. de Lorraine.
tum als Bundesgenossen und für seine Lehen von Frankreich als er- gebenen Diener des Königs erklärte. Dagegen sollte nun auch der König den Herzog wider Karl von Burgund und jeden anderen An- sreifer schützen und verteidigen und darüber seine offenen Briefe in der mit den königlichen Gesandten verabredeten Form ausstellen, ohne etwas daran zu ändern. Die Rachgier des Königs war bekannt. und so verpflichtete ein weiterer Artikel den König, allen Zorn fallen zu lassen gegen diejenigen lothringischen Räte, welche den Abschluss der Verträge von Herzog Nicolas und Herzog René mit Burgund be- fördert hätten. Hingegen verpflichtete sich Herzog René, diejenigen seiner Unterthanen, welche fernerhin etwas gegen den König unter- nehmen würden. in schärfster Weise und zu dessen Zufriedenheit zu be- strafen. Endlich stellte er die Frage des Abschlusses eines Bündnisses mit den Eidgenossen und der Niederen Vereinung, um das er ersucht worden wäre, der Entscheidung des Königs anheim. Man sieht aus den Artikeln dieser Vereinbarung, dass Herzog René aus den Ereignissen gelernt hatte. Er musste sich wohl oder übel auf die Versprechungen des Königs verlassen ; indem er ihn aber vor Gott und aller Welt verpflichtete. hoffte er, es ihm dadurch unmöglich gemacht zu haben. nochmals treulos zu werden).
Wenn Herzog Rene sich zu dieser Wendung in seiner Politik entschloss, so leitete ihn dabei auch noch eine andere Rücksicht, die allerdings in den Quellen nicht hervorgehoben wird, die Sorge für sein Erbe in Frankreich, das in Gefahr kommen konnte, wenn er auf Seite Burgunds verharrte. Schon hatte König Ludwig das Herzogtum Bar durch den Statthalter der Champagne Louis de la Tremouille, Sire de Craon, besetzen lassen wegen angeblicher Verbindungen, die König Rene mit Karl von Burgund unterhielte, und jetzt schickte er sich an, auch Anjou dem harmlosen alten Herrn zu entreissen. Um den übeln Eindruck zu verwischen, den diese Besitzergreifung notwendig auf Herzog tene machen musste, entsandte er den Sire de Craon und den Land- vogt von Vitry, Thierry de Lenoncourt, welche dem Herzog die über- raschende Eröffnung machten, dass sein Grossvater damit umgehe, Karl von Burgund zum Erben der Provence einzusetzen ?); der König lege
1) Das wichtige Aktenstück — leider ohne Datum — bei Calmet III Preuves 270—272 : ebenso sind die Angaben der Chron. de Lorr. leider ohne jeden chrono- logischen Anhaltspunkt,
2) Die Namen bei Lud p. 20; Calmet II, 1012 gibt den Inhalt ıhrer Sendung, leider wieder ohne Datum und in einem falschen Zusammenhang. Nach
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nur desshalb seine Hand auf Bar und Anjou, um beide Länder nach dem Tode von König René an Herzog René als den rechtmässigen Erben zurückzugeben. Wie der Fürst diese Eröffnungen aufnahm, ist nicht bekannt: die Vorwürfe aber, welche der König gegen seinen Onkel erhob. standen in Widerspruch mit der ganzen bisherigen Hal- tung des alten Herrn; erst die Habgier Ludwigs, welcher König René noch bei Lebzeiten beerben wollte, zwang denselben. an Burgund einen Rückhalt zu suchen '). Besser aber konnte König René die Be- hauptungen seines Neffen nicht widerlegen, als durch das Testament, welches er gerade um diese Zeit am 22. Juli 1474 errichtete ?). Frei- lich fiel dasselbe nicht sehr günstig für Herzog René aus, und es schien fast, als ob der Grossvater die alte Abneigung wider das Haus Vaudemont jetzt auch auf den Enkel übertragen wollte. Während er Herzog Ni- colas zu seinem (Gresamterben eingesetzt hatte, sollte Herzog René nur das Herzogtum Bar erhalten, während der gleichnamige Sohn seines Bruders Karl v. Maine die übrigen Besitzungen und stolzen Titel des Hauses Anjou erben sollte. In der That eine ungerechte Bevorzugung der Seitenlinie gegenüber dem Enkel. Wenn König Rene mit dem Testament vielleicht die unwahren Behauptungen seines könig- lichen Neffen widerlegen wollte, die Besetzung von Anjou konnte er dennoch nicht aufhalten ; sie erfolgte im Monat August.
Dass Herzog Rene diesen Schritt des Königs nicht übel auf- nahm, möchte man daraus schliessen, dass um dieselbe Zeit der Abschluss des Bündnisses zwischen den beiden Teilen erfolgte*). Sehr bedenklich war es nun aber, dass auch dies Bündnis über den Kopf der lothringischen Räte weg gemacht worden war: es waren dieselben
Calmets Angabe wäre die Besetzung von Anjou bereits erfolgt; sie geschah aber erst im August. Die Gesandtschaft muss aber früher erfolgt sein; vermutlich sollte sie den Herzog auf diesen Schritt vorbereiten. Davon, dass diese Ge- sandten dem Herzog die Genehmigung seiner Forderungen überbracht hätten, (Digot p. 240) sagt Calmet nichts.
1) Zuerst berichtet Anton de Appiano, Mailänder Gesandter am Hofe zu Turin, am 10. März 1475 seinem Herrn van der Absicht des alten Königs, dem Dreibund zwischen Burgund, Savoyen und Mailand beizutreten und zwar deshalb, weil König Ludwig ihm Anjou genommen habe. Gingins, Dépêches des ambassa- deurs Milanais [, 55.
2) Lecoy I, 391.
®) Zu Chartres am 15. Aug. Calmet Ill Preuves 675. Nach Calmet Il, 1012 stellte der König 2 Urkunden aus; die eine enthielt das eigentliche Bündnis, die andere die Amnestie für die burgundische Partei in Lothringen. Unter den Ge- sandten von Herzog René zu Chartres war auch Jean Lud; man hätte demnach von ihm eingehendere Mitteilungen in seinem Dialog erwarten sollen.
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Männer dabei thätig gewesen, wie bei dem Abschluss des ersten Bünd- nisses, die beiden Beauveau und andere, die nicht in Lothringen hei- misch waren. Jedenfalls war die lothringische Ritterschaft diesem (Gange der Politik abgeneigt, und Herzog René scheint es doch zu ge- gering angeschlagen zu haben, dass seine Ritterschaft selbst die Allianz mit Burgund gewährleistet hatte. Später, als die Dinge einen so ungün- stigen Verlauf nahmen, da erklärten der Marschall von Lothringen und andere Räte des Herzogs, dass der Fürst gegen ihren Rat das Bündnis abgeschlossen hätte, verleitet durch seine Mutter und zwei junge Herren seines Hofes !), womit die beiden Beauveau gemeint sein werden. Einstweilen muss das Bündnis überhaupt geheim geblieben sein; ein Vertrag, in dem Karl v. Burgund als sogenannter Herzog von Burgund, Rebell und ungehorsamer Unterthan bezeichnet wurde, eignete sich nicht eher zur Veröffentlichung, als bis der Krieg unmittelbar vor der Thüre stand: König Ludwig aber wünschte nichts mehr als mit Burgund in Frieden zu leben und er nahm selbst schwere Verletzungen des Walfenstillstandes mit grösster Langmut hin. So fuhr auch Herzog Rene einstweilen fort, die gegen Burgund übernommenen Verpflich- tungen zu erfüllen), und die Durchzüge der burgundischen Truppen dauerten zunächst ungestört fort. König Ludwig hatte es indessen übernommen, den Eintritt des Herzogs in die Niedere Vereinung zu vermitteln: Herzog Rene aber verhielt sich zunächst abwartend. Seine Politik ging augenscheinlich darauf, nicht vor dem Ablauf des Walffenstillstands zwischen Frankreich und Burgund mit Herzog Karl zu brechen; wäre er aber der Niederen. Vereinung jetzt schon beige- treten, so hätte er auch an ihrem Kriege wider Karl teilnehmen müssen, Selbst der glänzende Sieg, den sie im Verein mit den Eidgenossen am 13 November 1474 bei Hericourt über die Burgunder davongetragen hatte, konnte ihn in dieser Haltung nicht beirren. Die Niedere Ver- einung hingegen bemühte sich, den Herzog zum Beitritt zu bewegen, und am 13. Dezember 1474 wurde auf dem Tage zu Basel beschlossen, dass Herzog Sigmund von Oesterreich-Tyrol und Bischof Ruprecht von Strassburg eine Gesandtschaft an den Fürsten senden sollten, damit man endlich vernehme, ob er dem Bunde beitreten wolle oder nicht. Am 30. Dezember
1) Bericht an die Herzogin v. Savoyen vom 30. Juli 1475 bei Gingins, Dépêches I, 192. Diese für den Gang der Burgunderkriege so ausserordentlich wertvolle (Juelle ist für den lothringischen Teil derselben noch nicht verwertet worden.
?) Es ist demnach falsch, wenn Digot 241 sagt, dass René jetzt sofort be- gonnen hätte, eine feindselige Haltung gegen Burgund einzunehmen und den Durchzug der burgundischen Truppen zu verhindern,
sollten die Gesandten von Kestenholz aus vereint aufbrechen !). Ueber den Erfolg dieser Mission verlautet nichts, aber jedenfalls blieb der Herzog hei seiner bisherigen Haltung und liess sich hiervon auch durch die Klagen, welche von allen Seiten über die Ausschreitungen der durchziehenden burgundischen Truppen an sein Ohr drangen, nicht abbringen.
Anders aber wurde es mit dem beginnenden Frühjahr: der Waffen- . stillstand zwischen Frankreich und Burgund lief am 1. Mai ab, und vergebens setzte König Ludwig alle Hebel in Bewegung?), um den Herzog zu einer Verlängerung zu bestimmen und so die ge- fürchtete Vereinigung der englischen und burgundischen Waffen zu vereiteln. Karl v. Burgund aber erwartete täglich den Fall von Neuss und war durch nichts zu bewegen, den Wünschen des Königs zu will- fahren. Es blieb diesem daher nichts anders übrig, als den Frieden zu er- zwingen, in der Art. dass er selbst in schonungslosester Weise die burgun- dischen Marken mit Feuer und Schwert heimsuchte und dem Herzog überall Krieg erregte. So suchten französische Gesandte die Eidge- nossen und die Vereinung zu einem erneuten Einfall in die Franche- Comté zu bewegen: so liess er jetzt auch den Herzog Rene gegen Burgund los und nahm es selbst in die Hand, dessen Eintritt in die Niedere Vereinung herbeizuführen. Zu diesem Zwecke erschien eine königliche Botschaft in Nancy, und auf dem Tage der Niederen Ver- einung zu Basel am 29, März 1475 wurde beschlossen, dass Herzog Sigmund und die Stadt Strassburg nochmals ‚von wegen gemeiner buntherren‘ eine Gesandtschaft nach Nancy an den Herzog absenden sollten, welche am 6. April zu Baccarat eintreffen würde). Die Bot- schaft, welche bei dem Herzog auch den Bailli von Vitry, Thierry von Lenoncourt. vorfand, fand jetzt zu ihrer Genugthuung „grossen guten Willen“ vor®), und so wurde denn Herzog René am 18. April in die Niedere Vereinung aufgenommen). Daneben laufen die Verhandlungen über den Eintritt des Herzogs in das Bündnis König Ludwigs mit Kaiser Friedrich, und es wurde über bestimmte Artikel eine Verein- 1) Eidgen. Abschiede II nr. 769.
?) Commines.
3) Der Abschied in Strassburg St.-A AA. 270; Schr. Basels an Strassburg vom 25. März I. c. AA. 278.
#) Schr, Strassburgs an die Hauptleute im kaiserlichen Heer vom 15. April Strbg. St.-A. AA. 275.
5) Die Aufnahmeurkunde bei Chmel, Monum. Habsburgensia 1,199. Dadurch dass Digot p. 238 den Beitritt des Herzogs in das Jahr 1474 verlegt, lässt er diesen auch ein Jahr zu früh wider Burgund in Thätigkeit treten.
barung erzielt. Danach verpflichtete sich Herzog René, auch seinerseits mit ganzer Macht in den Krieg wider Burgund einzutreten und dem Herzog und dessen Truppen den Durchmarsch durch sein Land zu verlegen; hingegen verhiessen auch ihrerseits Kaiser und König ihren Beistand, und ausdrücklich wurde festgesetzt, dass der Kaiser und die verbündeten Fürsten keinerlei Frieden mit Burgund eingehen sollten, ohne Herzog René einzubegreifen. Der Kaiser endlich wollte die vom Reich abhängenden Städte Metz, Toul und Verdun, bestimmen, sich wider Burgund zu erklären und Herzog Rene Hülfe zu leisten, und umgekehrt sollte der Herzog diesen Städten wider alle Feinde Hülfe leisten. Mit andern Worten, dem Herzog wurde gewissermassen als Belohnung für seine Haltung ein Schutzverhältnis der drei Städte. wo- nach Lothringen schon so lange gestrebt hatte, in Aussicht gestellt. Jedoch gelangte der Vertrag erst am 17. Mai zum Abschluss, um die Zeit als der Kaiser bereits daran dachte, seinen Frieden mit Burgund zu machen, und die Kurfürsten Adolf von Mainz. Johann von Trier und Albrecht v. Brandenburg erteilten demselben am gleichen Tage ihre Zustimmung !).
Herzog Rene war nicht in der Lage wie seine Bundesgenossen. dass er einfach Karl dem Kühnen Fehde ankündigen konnte: er musste immerhin einige Gründe anzugeben wissen, weshalb er sich von dem Vertrag von Nancy lossagte. Und da boten ihm die Ausschreitungen der burgundischen Truppen in Lothringen einen willkommenen Anlass, die lästige Fessel des Vertrages von sich abzustreifen. In der That war der freie Durchzug der Burgunder eine unerträgliche Plage für das Land geworden. Bei der langen Dauer der Belagerung mussten wiederholt die Lehnsmannschaften der beiden Burgund abgelöst werden, und man kann zweifelhaft darüber sein, ob die hinziehenden oder die abgelösten Truppen grössere Auschreitungen begingen?). Am schlimmsten aber waren unzweifelhaft die lombardischen Söldner *), welche in einzelnen Abteilungen durch Lothringen nach Neuss marschirten : und natürlich. je weniger das Land im Winter zu bieten vermochte, desto ärger wurden die Vergewaltigungen an Hab und Gut und Leib der Bewohner. Man darf wohl billig zweifeln, ob Herzog Rene, an den von allen Seiten die Klagen der armen Landbewohner gelangten, allen
1) Calmet II 1013 u. 1015.
2) Neben der Chronique de Lorraine bei Calmet III, Preuves 32 cfr. auch Jean Lud p. 20.
8) Von allen Söldnern der damaligen Zeit standen die Lombarden im schlimmsten Rufe,
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Ernstes die Absicht hegte, eine Art sizilianische Vesper zu veranstalten und die Burgunder in ihren Quartieren töten zu lassen !): jedenfalls war es besser, dass er dem Zuspruch seiner Räte folgte und sich über das Treiben der Burgunder bei Herzog Karl beklagte, gleichzeitig aber die Rückgabe jener festen Plätze forderte, die er hatte einräumen müssen, weil von ihnen aus das Land schwer geschädigt würde. Karl behan- delte die Beschwerden von oben herab, er ernannte Bevollmächtigte, welche den Schaden untersuchen sollten. und diese erklärten die Klagen für übertrieben. Einige Abhülfe geschah ?). aber die Durchzüge dauerten fort und damit auch die Klagen. Da aber ausdrücklich ausgemacht wurde, dass die durchziehenden Truppen ihre Bedürfnisse bar bezahlen sollten, so entnahm Herzog René aus der Nichteinhaltung dieser Be- dingung, nachdem auch seine Klagen in der Hauptsache wirkungslos geblieben waren, die Berechtigung. sich seinerseits von dem Vertrage los- zusagen. Der Rat von Lothringen schlug ihm vor, König Ludwig bei seiner Entscheidung zuzuziehen?). Er trafihn zu Notre-Dame de Liesse, und der König war natürlich der Meinung, dass unter diesen Umständen Herzog Rene nichts anders übrig bliebe, als dem Herzoge Karl den Krieg zu erklären; Bei seinem königlichen Wort verhiess er, ihm mit,ganzer Macht und eigener Person zu Hülfe zu kommen, wenn er in Lothringen ange- eriffen würde. Mit diesem königlichen Versprechen ?) versehen kehrte René nach Nancy zurück, und auch der Rat von Lothringen war jetzt dafür, dass dem Herzog von. Burgund der Krieg erklärt würde °).
Wie gewöhnlich hatten die Plänkeleien schon vor dem Ausbruch des Krieges begonnen. Dazu trug namentlich der Umstand bei, dass
1) Chronique de Lorraine |. €. 52.
?) Das geht aus dem Schreiben Herzog Karls an die lothringische Ritter- schaft vom 3. Juli 1475 hervor.
3) Die Chron. de Lorraine ist hier die Hauptquelle, die allerdings mit srosser Vorsicht zu benutzen ist; von den schönen Reden; die der Chronist dem Herzog und dem König in den Mund legt, ist natürlich ganz abzusehen. Leider fehlen auch hier alle chronologischen Angaben, aber aus dem ganzen Zusammen- hang geht hervor, dass diese Verhandlungen im Frühjahr 1475 stattfanden.
#) Das scheint der thatsächliche Kern der Erzählung des Chronisten zu sein; ein solches Versprechen muss vorgelegen haben, abgesehen davon, dass der König auch durch den Vertrag von Chartres zur Hülfe verpflichtet war. Die Chron. er- wähnt auch ausdrücklich, dass der König schriftlich sich verpflichtet hätte, im eigener Person Herzog René zu Hülfe zu kommen, wenn er durch Karl ange- griffen würde.
5) Man möchte fast annehmen, dass der Chronist eine bestimmte Absicht verfolgt, wenn er überall hervorhebt, wie Herzog Rene ‚durchaus in allen Stücken im Einvernehmen mit seinem Rate handelte.
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der Sire de Craon Gorze und Haton-la-Chätel ') besetzt hatte und von hier -aus nun die Metzer Landschaft in Alem hielt und alle durch- ziehenden Burgunder niederwerlen liess: die ganze Gegend zwischen Metz und Nomény wurde durch diese Streifzüge gefährdet. durch die nun auch der Bischof von Metz für seinen Anschluss an Burgund be- straft werden sollte. Karl hatte seinen Statthalter im Herzostum Luxemburg, Claude de Neufchätel. Sire du Fay?) beauftragt, den Bi- schof von Metz gegen jeden Angriff zu schützen, und auch dieser liess nun in der Mosellandschaft streifen. um den Franzosen möglichst Ab- bruch zu thun. Auf einem dieser Streifzüge geschah es, dass Kauf- leute aus Mecklenburg und dem Herzogtum Berg ihrer Pferde, die sie nach Metz auf den Markt führen wollten. in der Nähe von Sierck beraubt wurden unter dem Vorgeben. dass die Pferde nach Frankreich bestimmt wären. Das veranlasste am 25. März eine scharfe Beschwerde von Herzog René an den Sire du Fay, welche dieser aber ablehnend beantwortete). Die Feindseliskeiten,. welche von den französischen Besatzungen in Haton-la-Chätel, Gorze, Vaucouleurs und Bar gegen das Metzer Bistum verübt wurden, mehrten sich, und es trat deutlich die Absicht hervor. den Burgundern den Weg durch dasselbe zu verlegen. Das veranlasste Herzog Karl, am 21. April nochmals seinem Statthalter in Luxemburg ans Herz zu legen, den Bischof in kräftigster Weise zu schützen. Da- mals war es auch, dass Herzog Karl den Prinzen von Tarent, den zweiten Sohn des Königs von Neapel. täglich erwartete. Er kam als neuer Freier um die Hand der Prinzessin von Burgund, und seine Anwesenheit im Lager vor Neuss konnte das etwas verblichene Ansehen des Herzogs wieder auffrischen. Um ihn sicher vor den Franzosen zu geleiten, hatte Herzog Karl den Sire du Fay am 11. April beauf- tragt, sobald er vernehmen würde, dass der Prinz lothringischen Boden betreten hätte, ihm mit dem Adel und den Kriegsleuten von Luxem- burg entgegenzurücken und nach Diedenhofen zu geleiten. Das waren aufs Neue böse Aussichten für Lothringen, und Herzog Rene sagte sich jetzt zum erstenmale offen von dem Vertrag von Nancy los, indem er sich den Franzosen, die St. Nicolas de Port besetzt hatten, und der Niederen Vereinung anschloss. um dem Prinzen den Weg zu verlegent),
1) Chron. de Metz p. 416.
2) Sein Briefwechsel mit Herzog Karl,worauf diese Darstellung beruht, in Publi- calions etc. des monuments historiques dans le Grand-Duché de Luxembourg HE, 1011.
3) Karl bestimmte auf Verwendung des Königs von Dänemark und des Hz. von Berg ihre Rückgabe.
4) Knebels Diarium in Basler Chroniken ed.W. Vischer Bd. Il, 205 u. 207.— Pani- garola an den Herzog v. Mailand aus dem Lager vor Neyss am25, April 1475, Gingins 1,108.
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Nachdem dann mit Ablauf des Waffenstillstandes am 1. Mai die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Burgund begonnen hatten, beschloss nun auch Herzog René mit Herzog Karl zu brechen, ohne dass er es deshalb für nötig hielt, seiner in dieser Hinsicht persönlich verpflich- teten Ritterschaft die Frage zur Begutachtung vorzulegen. Es war zunächst eine persönliche Angelegenheit, wenn er, wegen der Art und Weise, wie Karl seine Beschwerde über die Ausschreitungen der Bur- gunder behandelt hatte, beleidigt, diesen nun zum Zweikampf heraus- forderte. Ein Diener des Sire de Craon entledigte sich am 9. Mai dieses Auftrages. indem er Herzog Karl im Namen von Herzog Rene die Herausforderung überbrachte und ihm einen blutigen Eisenhand- schuh zu Füssen warf. Herzog Karl nahm die Herausforderung sehr kühl auf: er liess den Mann. der sich schleunigst entfernt hatte, her- beiholen. beschenkte ihn mit einem Staatskleid und 12 Gulden für die guten Nachrichten, die er gebracht. und entliess ihn mit den Worten: Sage Deinem Herrn: bald werde ich in Lothringen sein !). Nachdem dann das Bündnis zwischen dem Kaiser und Herzog Rene zur That- sache geworden war. liess letzterer durch seinen Herold Lorraine in förmlicher Weise absagen und Fehde ankündigen mit Feuer und Blut. Wie die Herausforderung, so wurde auch die Fehdeankündigung von Herzog Karl als eine erfreuliche Botschaft aufgenommen. und der Herold ward mit einem Rocke aus Goldstoff und einem vergoldeten Pokal von Silber mit dem schätzenswerten Inhalt von 500 Goldgulden beschenkt ?).
Herzog Karl hatte vor der Welt den tiefen Grimm darüber verborgen, dass der junge Herzog von Lothringen es wagte, in der Weise gegen ihn aufzutreten. und er war wohl von vornherein entschlossen, rück- sichtslos alle Folgerungen aus jenem Schritte zu ziehen, den Herzog René unternommen hatte. ‚Jetzt brauchte er keine Rücksicht mehr auf einen lästigen Bundesgenossen zu nehmen: die Eroberung des Landes mochte ihm nicht allzuschwer erscheinen, und ohne Unter- brechung erstreckten sich dann die burgundischen Staaten von der Rhone bis zu der Mündung des Rheins und den Fluten des Zuydersees. Herzog René hatte einen gefährlichen Schritt gewagt, aber doch nicht
1) Diese Erzählung des Chronisten mag dem wirklichen Sachverhalte ent- sprechen, die überlieferten Worte entsprechen ganz dem Charakter Karls.
2) v. Rodt, die Feldzüge Karls des Kühnen 1,419 nach einer Handschrift des Königlichen Archivs zu London, leider ohne Datum. Der Kaiser schloss das Bündnis am 17. Mai ab. Die Gegenurkunde von Herzog René erfolgte am 1. Juni; wenn man die Fehdeansage nicht gleichzeitig mit der Herausforderung setzen will, so sollte man annehmen, dass um Juni die Fehdeansage erfolgt ist.
ohne Bedacht: einzig bedenklich war nur, dass er sich nicht der Zu- stimmung seiner Ritterschaft zu dieser Wendung der Politik versichert hatte. Die weitgehenden Pläne Herzog Karls waren bekannt: sie er- trugen kein selbständiges Lothringen. Niemals aber konnte sich eine bessere Gelegenheit bieten, die Fesseln des aufgezwungenen Vertrags von Nancy abzustreifen, als gerade jetzt. da Frankreich und das Ober- haupt des Deutschen Reiches in eigener Person das Schwert gegen den verwegenen Fürsten gezogen hatten, da die Niedere Vereinung und die Eidgenossen in Waffen standen und schonungslos die Franche- Comte verwüsteten. Was hatte Lothringen im Bund mit diesen Mächten zu befürchten? Weder der junge Fürst noch die ergrauten Räte konnten den schmählichen Treubruch des Königs von Frankreich voraussehen : und es war ein unglückseliger Zufall, dass in demselben Augenblick . als Herzog René das Schwert aus der Scheide zog. der deutsche Kaiser sich anschickte. dasselbe hineinzustecken. Der junge Fürst hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass der Kaiser in seiner beispiel- losen Selbstsucht nicht durch die Stimme der Nation gezwungen war, in den Verhandlungen auf Lothringen Rücksicht zu nehmen. Seine Vorgänger waren französische Prinzen gewesen. und Herzog René hatte noch nichts dazu gethan, um sich als deutschen Fürsten zu beweisen. Während das Deutsche Reich um Neuss fasst einmütig zu den Waffen gegriffen hatte, überliess es Herzog René ruhig seinem Schicksal.
IV.
Spät war der Herzog von Lothringen dem grossen Bündnis wider Karl von Burgund beigetreten; ohne Schwertstreich war damit aber doch ein höchst bedeutsamer Erfolg erzielt. Herzog Karl war von jeder Verbindung mit seinen Stammlanden. die den Kern seiner kriegerischen Macht bildeten, und von seinen italienischen Verbündeten abgeschnitten. Jetzt handelte es sich darum, auf welcher Seite der Angriff auf Burgund geschehen sollte. Ein Zusammenwirken mit der Armee des Sire de Craon war von vornherein in Aussicht genommen: man konnte sich in diesem Fall gegen Luxemburg wenden, das vollständig wehrlos war. und zur Eroberung des Landes dem Erzbischof von Trier und Wilhelm von der Mark, dem Eber der Ardennen., die Hand reichen; dabei drückte man zugleich auf das Heer Karl des Kühnen und konnte vor Neuss zum Kaiser stossen. Das war demnach ein Plan. wie er vorzugs- weise auch den Interessen der kaiserlichen Heerführung entsprach. König Ludwig war hingegen nicht geneigt, die Lage des Herzogs vor Neuss ernstlich zu verschlimmern; je länger beide Teile sich hier
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einander in den Haaren lagen, desto lieber war es ihm. wenn er doch keinen Frieden von Burgund erlangen konnte, und so beabsichtigte er, den lothringischen Streitkräften eine andere Verwendung zu geben.
Auch die Niedere Vereinung nämlich gedachte in kräftiger Weise sich an dem Kriege zu beteiligen und halte an den Sire von Craon Herrn Fridrich von Münstrol und Herrn Claus Zorn v. Bulach gesandt, !) um einen eemeinschaftlichen Feldzug wider Burgund zu verabreden. Nichts konnte besser in die Pläne König Ludwigs passen, als wenn von allen Seiten Brand und Verwüstung in des Burgunders Lande getragen wurden: vielleicht liess der Herzog in seinem Starrsinn nach und be- willigte ihm die Verlängerung des Waffenstillstandes. um sich dann gegen seine übrigen Feinde wenden zu können. Während er im vorigen Jahre sich allen Aufforderungen der Verbündeten gegenüber, seine Truppen mit den ihrigen in der Franche-Comté zu vereinigen, taub ver- halten hatte, eröffnete er jetzt auch hier wie in der Picardie mit grosser Energie den Feldzug. Am 3. Mai drang der Sire de Craon in Hoch- burgund ein. eroberte im Gebiet der oberen Saöne eine Reihe von Plätzen?) und errang in der von Verteidigern entblössten Landschaft eben so wohlfeile Triumphe wie sein Herr in der Picardie. Seine Erfolge [achten den Kriegseifer der Niederen Vereinung nur noch mehr an; mit ihren Streitkräften sollte der Herzog von Lothringen die seinigen vereinigen, und wenn dann die Eidgenossen dazu vermocht werden konnten, ebenfalls sich an diesem Feldzug zu beteiligen, so sollte ein Stoss in das Herz von Burgund geführt werden. In der That fand darüber zu Basel am 9. u. 10. Mai eine Beratung zwischen Gesandten des Königs von Frankreich und des Herzogs von Lothringen sowie der Niederen Vereinung und der Eidgenossen statt: ?) aber die Niedere Ver- einung stand mit ihrem Kriegseifer allein: die Eidgenossen verhielten sieh mit Ausnahme von Bern kühl bis ans Herz hinan, und inzwischen hatte der König seinen Streitkräften und denen des Herzogs von Lothringen doch eine andere Bestimmung geben müssen.
1) Schr. des Landvogts v. Eptingen an Colmar vom 1. Mai. Colmar St.-A. AA. nr. 56. Ich kann über diese Verhältnisse hier nur andeuten und muss in der Hauptsache auf spätere Arbeiten in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins verweisen.
2) Gollut, Memoires de la République Séquanoise ed. Duvernov p. 1290. Ein Verzeichnis eroberter Plätze bei Knebel p. 247, der es indirekt der Mit- teilung französischer Gesandten verdankte, die gerade nach Basel kamen. cfr. auch Appiano an den Herzog von Mailand; derselbe gibt dem Sire de Craon 50 Lanzen. Gingins, Depêches 1, 139.
®) Knebel p. 228,
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Dem König war nicht unbekannt geblieben. wie Kaiser Friedrich mit Herzog Karl in Verhandlung stand: sein Gewissen schlug ihm. denn er hatte keine jener Verpflichtungen erfüllt, die er in seinem Bündnis mit dem Kaiser übernommen hatte. Nichts aber konnte ihm unange- nehmer sein, als wenn jetzt der Kaiser sich um den ungetreuen Ver- bündeten nicht bekümmerte und mit Herzog Karl Frieden schloss. Vielleicht konnte er den Abschluss des Friedens noch hindern oder doch aufhalten, wenn er endlich seinen Verpflichtungen nachkam und ein Heer in Luxemburg aufstellte, welches dem Reichsheer vor Neuss die Hand reichte. Zu diesem Zweck sollte der Sire de Craon dorthin abmarschieren '). Das geschah. Ueber die weiteren Ereignisse fliessen die Nachrichten nur sehr spärlich). Wir wissen vor allem nicht. was Herzog René bewog, in so lässiger Weise, wie es geschah. den Kriegs zu führen. Nachdem der Bruch mit Burgund erfolet war. hatte der Herzog seine Stände berufen und ihnen vorgetragen, welche Ursachen ihn zu diesem Schritte bewogen hätten, welche Hülfe ihm von König Ludwig bewilligt wäre. Die Stände zeigten sich nach Erzählung der Chronik in jeder Beziehung entgegenkommend und verhiessen ihm ihren Beistand. Darauf begab sich der Herzog zu König Ludwig und bat ihn um Hülfe, und dieser stellte jetzt den Sire de Craon mit 400 Lanzen unter seinen Oberbefehl. ’
1) Schr. von König Luwig an König Friedrich vom 22. Mai 1475. Chmel, Monum. Habsburg. 1,298.
?) Die Hauptschwierigkeit ist, dass man nicht weiss, wann Herzog René berechtigt war, den Krieg zu eröffnen. Von chronikalischen Quellen kommt neben kurzen Notizen bei Commines, Thomas Basin und Jean de Troyes hauptsächlich die Erzählung in der Chronique de Lorraine und in den Chroniques de Metz in Betracht. Beide stehen aber bezüglich der Reihenfolge der Ereignisse in un- lösbarem Widerspruch, und da nun der Verfasser der Chronique de Lorraine im Verlauf der Erzählung sich als Mitkämpfer in diesem Feldzug entpuppt, den Chron. de Melz hingegen in diesem Teile die Memoiren von Commines zu Grunde liegen, die für diesen Feldzug durch einige Mitteilungen, wie es scheint, aus dem Metzer Stadlarchiv bereichert sind, müsste man den Wert der Chron, de Lorraine höher stellen. Wenn man aber die Mitteilungen der beiden Chroniken vergleicht mit den urkundlichen Nachrichten, so ergiebt sich das überraschende Resultat, dass die Chronique de Lorraine die Ereignisse in umgekehrter, die Chroniques de Metz in richtiger Reihenfolge erzählen, wenn ihre Erzählung auch ziemlich wert- los ist. Daraus kann man ein richtiges Urteil über den Wert der Chron. ge- winnen. Der Chronist erzählt die frühere Zeit von Hörensagen, und was er selbst erlebt, aus der Erinnerung in späleren Zeiten; die Ereignisse hat er behalten, wie das zu geschehen pflegt, vielfach bis auf kleine Einzelnheiten; der Faden im
Zusammenhang der Ereignisse ist ihm verloren geg
gegangen.
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Herzog René begann die Feindseligkeiten noch vor der Ankündigung der Fehde, indem er sich vor das feste Schloss Pierrefort legte, das sich — es ist nicht bekannt, unter welchem Rechtstitel!) — in burgun- dischen Händen befand. Herzog Karl erwartete nicht anders, als dass der Platz .sich recht lange verteidigen würde, und war daher nicht wenig überrascht, als der Befehlshaber Jean de Flery sich bereits in den ersten Tagen des Mai?) ergab. So gab er denn in einem seiner Wutanfälle dem Statthalter von Luxemburg am 10. Mai den Befehl, die ganze Besatzung an Leib und Leben zu bestrafen, die Urheber der Uebergabe aber vierteilen zu lassen. ?) Ueber die weitern Unternehmungen von Herzog René vor seiner Vereinigung mit dem Sire de Graon, liegen keine Nachrichten vor. Man sollte aber doch nicht annehmen, dass er den ganzen Monat ungenutzt verstreichen liess, und so darf man wohl die Vermutung hegen, dass er sich innerhalb dieser Zeit zum Herrn im eigenen Lande machte und die den Burgundern einge- räumten Sicherheitsplätze wieder einnahm.*) Im übrigen scheint es, als ob Herzog Karl die Gefahr, die ihm von dieser Seite drohte, unter- schätzte. Er hielt es noch am 19. Mai für möglich, dass sein Statt- halter von Luxemburg an der Spitze des adeligen Aufgebotes dieses Herzogtums den Durchzug durch Lothringen erzwingen und aus den Händen seiner burgundischen Begleitung den Prinzen von Tarent ent- sesennehmen und gen Diedenhofen führen könnte. Der Sire du Fay machte aber sehr unangenehme Erfahrungen, als er nun die Stände des Landes versammelte, um zunächst von ihnen die Mittel zum Un- terhalt seiner Truppen und für die Verteidigung des Landes zu er- langen; sie lehnten alle seine Forderungen ab, und dass nun gar der
1) Die feste, in der Nähe von Nancy gelegene Burg könnte den Burgundern infolge des Vertrages von Nancy als Sicherheitsplatz eingeräumt worden sein.
?) Schloss Pierrefort nebst den dazu gehörigen Dörfern Mamey, Saint-Jean und Martincourt schenkte Herzog René am 9. Juni 1475 an Jean de Bron dit de Luxembourg. Lepage 1. c. p. 324.
®) In Erwiderung auf den Bericht des Sire du Fay vom 3. Mai über die Uebergabe des Platzes. Publications I. c. p. 117. Die Angaben der Chronique de Lorraine und der Chroniques de Metz sind demnach völlig wertlos, obwohl letztere durch ihre bestimmten chronologischen Angaben bestechen. Es ergibt sich daraus aber, dass auch diese nichts weniger als verbürgt sind.
4) Es wäre sehr wünschenswert, wenn nach dieser Richtung hin von fran- zösischer Seite Nachforschungen in den Archiven, von Nancy und Dijon angestellt und in den Annales de l'Est veröffentlicht würden. cfr. die Erzählung bei Kne- bel (Basler Chroniken ed. Vischer II, p. 220) über den Versuch eines burgundi- schen Befehlshabers, einen dieser Plätze in die Hände des grossen Bastards von Burgund zu spielen, welcher damals nach der Erzählung zu Salins weilte,
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Adel ihm ausser Landes folgen sollte, davon konnte gar keine Rede sein. Nur ein geringer Teil war erbötig, innerhalb des Her- zogtums und in den Grenzplätzen unentgeltlich Dienste zu leisten, und Karl musste sich dazu verstehen, seinen Statthalter zu ermächtigen. dem Adel für seine Dienste im Lande Zahlung zu versprechen.) An- gesichts dieser widerspenstigen Haltung der Stände mochte den Herzog jetzt doch einige Besorgnis um Luxemburg beschleichen, und so wandte er sich gleichzeitig an seinen Verbündeten, den Kurfürsten Friedrich den Siegreichen von der Pfalz, mit der Bitte, entweder Lothringen mit Krieg zu überziehen oder ihm doch eine ausreichende Hülfsmacht nach Luxemburg zu schicken. Das Bündnis des Kurfürsten mit Lothringen war älter als das mit Burgund. und die Pfalz hielt sich neutral. Von einem Zug nach Lothringen konnte also nicht mehr die Rede sein. um so weniger als dem Prinzen von Tarent und seiner Begléitung alle Wege in der Franche-Comté und Oberlothringen verlegt waren. Hin- gegen konnten die Franko-Lothringer ebenso leichte als wertvolle Lorbeeren davontragen: Luxemburg, von Verteidigern entblösst, war eine leichte Beute; statt dessen zogen sie vor. andere Wege zu gehen.
Nach der Einnahme von Pierrefort, wird uns berichtet, sei Herzog René vor Faulquemont gezogen. Zeit und Ort sind hier in gleicher Weise unbestimmbar und die Schwierigkeiten sind kaum zu be- wältigen.?) Möglich aber ist wohl, dass Herzog René sich jetzt an- schickte, zunächst den Bischof von Metz für seinen Anschluss an Bur- gund zu züchtigen. So wäre er denn über die Mosel bis zur deutschen Nied vorgedrungen, hätte sich Falkenberes bemächtigt, das damals dem Bischof gehört haben muss, und darauf seinen Rückzug an die Mosel angelreten, um sich mit dem Sire de Craon zu vereinigen, der in- zwischen gemäss dem Befehle des Königs seinen Marsch in der Rich- tung auf Luxemburg begonnen hatte. Unmöglich ist, dass die Ein- nahme von Falkenberg sich an die von Pierrefort angeschlossen hätte. °) Es liegt aber eine andere Möglichkeit vor, dass Herzog René
') Am 29. Mai. Publications p. 121.
?) Chron. de Metz geben zwar den 7. Juni an, aber das Datum ist un- sicher, da es an die falsche Zeitangabe bezüglich der Uebergabe von Pierre- fort anknüpft.
3) So Digot p. 242. Demnach hätte Herzog René keine andere Aufgabe gehabt, als von Pierrefort durch das Metzer Thal in Eilmärschen nach dem un- bedeutenden Falkenberg zu marschieren. Man muss doch etwas Vernunft von den Führern voraussetzen. Es hat übrigens Interesse, die Märsche auf der Karte zu verfolgen, welche Digot die vereinigten Franzosen und Lothringer machen lässt.
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nämlich von Pierrefort nach Montfaucon en Argonne marschirt, um diesen Platz einzunehmen '). Deutliche und bestimmte Nachrichten fliessen erst wieder, nachdem der Sire de Craon?) und Herzog René vereint nun den eigentlichen Feldzug eröffnen.
Anstatt aber dem Feind auf den Leib zu gehen. zogen beide Führer es vor, sich mit ihren Scharen in dem reichen Thal von Metz von den Strapazen des Feldzuges zu erholen. bevor sie ihn begonnen hatten®). Es war am 13. Juni. dass der Herzog v. Lothringen sich mit seinem Heere zu Ars lagerte: er löste eine Schar von 2000 bis 2400 Leuten aus dem Herzogtum Bar ab, welche unter Anführung des Landvogtes von St. Mihiel vom 31. Mai bis zum 10. Juni ihr Un- wesen zu Ars und Ancy getrieben hatten und endlich auf Andrängen der Metzer abeezogen waren: am Tage zuvor war auch der Sire von Craon mit seinen Scharen angekommen und hatte sich in der Nähe des Herzogs zu Vaux gelagert. Die Bürger von Metz aber mochten sich wohl fragen. was der Zweck dieser Heeresansammlung wäre, und einen neuen Angriff auf die Selbständigkeit ihrer Stadt befürchten. Am 15. Juni früh morgens brachen die beiden Anführer mit ihren Scharen in der Stärke von 8000 Mann. die einen Zug von 200 Karren mit sich führten, auf, marschirten an Devant-les Ponts vorbei und zer- streuten sich in den benachbarten Dörfern von Woippy. Semecourt, Norroy. Pierrevillers. Rombach und anderen Ortschaften bis nach dem Luxemburgischen *) hin. Herzog René nahm sein Quartier in der luxem- burgischen Enclave Marange, das beim Abzuge niedergebrannt wurde, der Sire de Craon zu Rombach. In schlimmster Weise wurde gehaust ; der Wein, den die Leute nicht trinken konnten, wurde ausgegossen, und die Fässer verbrannt. Die Stadt Metz war nicht wenig erfreut ge-
1) Die Umsetzung des Namens macht keine Schwierigkeit. Im übrigen hat der vorzügliche Berichterstatter Thomas Basin Bischof von Lisieux, der erbitterte Gegner von Ludwig XI, in seinem gleichzeitigen Geschichtswerk ed. Quicheral Il 344 die Bezeichnung Montis-Falco. Das ist entscheidend. Beide Plätze Pierre- fort und Faulgemont werden von Herzog Karl als in Luxemburg gelegen be- zeichnet. Das ist bei Montfaucon der Fall, aber nicht bei Falkenberg. Publica- tions I. c. p. 124.
?) Welchen Weg er eingeschlagen, lässt sich nicht bestimmen; wahrschein- lich hat er die Maaslinie eingehalten, welche er beherrschte. Das Unternehmen auf Verdun, welches ihn Huguenin und Digot jetzt machen lassen, hatte schon im vorigen Jahre stattgefunden. Chroniques de Metz 415; Jean de Troyes 311.
3) Der folgenden Darstellung liegt der Bericht der Chron. de Metz zu Grunde die hier auf dem Gebiet der Stadtgeschichte zuverlässig ist.
3) Man muss wohl daran denken, dass der jetzige Kreis Diedenhofen im Mittelalter fast vollständig zu Luxemburg gehörte.
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wesen über den raschen Abmarsch jener Scharen; um so bitterer aber die Enttäuschung, als Franzosen und Lothringer schon am 17. Juni in ihren alten Standort zurückkehrten, nur dass Herzog René jetzt in grüsserer Nähe von Metz zu Moulins Wohnung nahm. Die Mannschaften hausten in der gesegneten Landschaft wie in Feindesland, miss- handelten die Bauern und nahmen, was sie fanden. Nachdem sie die linke Thalseite genügend ausgeplündert hatten, überschritten sie bei Moulins die Mosel, breiteten sich auf der rechten Seite bis zur Seille aus und wirtschafteten hier in der nämlichen Weise. Die Sieben vom Krieg zu Metz hatten alle Mühe, die aufgeregten Bürger zu be- schwichtigen und von einem bewaffneten Zusammenstoss abzuhalten. Endlich schickte das Heer der Verbündeten sich zum Aufbruche an. nachdem es sich auf diese Weise genügend mit Wem. Lebensmitteln und Schlachtvieh versehen hatte. Zuvor aber unternahm Herzog René am 21. Juni eine Pilgerfahrt nach St. Barbe mit einem Gefolge von 500 Mann; der fromme Zweck des Zuges hielt jedoch ihn und die Leute nicht ab, etwa 500 Stück Hornvieh mitwandern zu lassen. Quel péleri- naige! ruft der Metzer Chronist mit Recht entrüstet aus. Nachdem Herzog René dann noch durch Graf Schaffried von Leiningen, Sire de Aspermont, und den wilden Eber der Ardennnen Wilhelm von der Mark Verstärkung erhalten hatte, wurde endlich der schon so lange beabsichtigte Zug nach Luxemburg angetreten.
Jetzt freilich konnte der Gegner nicht mehr überrascht werden. aber grosse Erfolge waren doch noch möglich. Der Sire du Fay hatte den Befehl seines Herrn, einen allgemeinen Widerstand in Luxemburg ins Leben zu rufen, nicht ausführen können, er war gescheitert an dem Widerstand der Stände und vor allem des Adels, der doch. wie es scheint, noch starke deutsche Neigungen bewahrt hatte. So konnte er auch jetzt, nachdem die vereinigten Franzosen und Loth- ringer kostbare Zeit in dem reichen Metzer Thal vertrödelt hatten, den Vebündeten noch keine nennenswerte Kriegsmacht entgegenstellen. Wenn Karl ihm bereits am 8. Juni verhiess, dass der Graf von Campobasso mit seiner ganzen Streitmacht, die 300 Lanzen ohne das Fussvoik be- trug, baldiest zu seiner Verstärkung heranrücken und die übrige noch vor Neuss stehende Armee ihm bald nachkommen sollte, so waren das Versprechungen, von denen Herzog Karl wohl am besten wusste, dass sie nicht erfüllbar waren: dieselben Verheissungen wiederholte der Herzog noch mehrfach, verfehlte aber dabei niemals, den Statthalter darauf aufmerksam zu machen. dass er zunächst selbst für die Verteidigung des Herzogtums aufkommen müsse. Es war augen-
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scheinlich darauf berechnet, den Seinigen Mut zu erwecken, wenn er, nachdem er endlich von Neuss aufgebrochen war, am 2. Juli seinem Statthalter schrieb, dass er am folgenden Tage mit seiner ganzen Armee nach Diedenhofen aufbrechen würde. Vielleicht sollte diese Aussicht , den Herzog bald in ihrer Mitte zu sehen, die Luxemburger Stände willfähriger machen, da nun der Statthalter zugleich die gesamte streitbare Mannschaft zu Ross und zu Fuss aufbieten sollte, sich mit dem herzoglichen Heere zu vereinigen'). Einstweilen aber wurde durch alle diese Vertröstungen nichts an der Thatsache geändert, dass der Statthalter mit einer geringfügigen Mann- schaft das widerwillige Herzogtum zu verteidigen hatte. Ein hoch- stehender Diplomat und eifriger burgundischer Parteigänger versichert, dass die verbündeten Lothringer und Franzosen nach der allgemeinen Ansicht ohne grosse Schwierigkeit das ganze Herzogtum hätten erobern können?). Was sie hingegen in Wirklichkeit errangen war lächerlich gering. Ein Versuch auf Diedenhofen scheint fehlgeschlagen zu sein?). Im übrigen beliebte man den Krieg in derselben Weise lahm weiter zu führen, wie man ihn begonnen hatte. Das einzige Ereignis aus dem ganzen Feldzug ist die Belagerung und Eroberung von Damvillers. Am 3. Juli legte sich der Sire de Craon mit 6000 Mann zu Ross und zu Fuss vor diesen Platz, der von dem Sire de Mont-Quentin vertei- digt wurde. Der Graf v. Campobasso kam nicht mehr früh genug, den Platz zu entsetzen; Damvillers musste sich ergeben und wurde geschleift. Das war die einzige Waffenthat des ganzen Feldzugs ; den heranrückenden Streitkräften des Grafen von Campobasso glaubten sich die Ver- bündeten nicht mehr gewachsen; wenigstens zogen sie es vor, sich nach Hattonchätel auf der Gemarkung zwischen Lothringen und Bar zurückzuziehen.
Die Ursache zu dieser mehr als lahmen Kriegsführung muss man allerdings in der höchst eigentümlichen politischen Lage suchen. Der Grund, weshalb König Ludwig überhaupt den Sire de Craon auf den luxemburgischen Kriegschauplatz entsandt hatte, war hinfällig geworden. Am 12. Juni hatte der Kaiser mit dem Herzog von Burgund einen Waffenstillstand geschlossen, und die Belagerung von Neuss ward auf- gehoben. Allerdings war die politische Lage noch nicht geklärt, der Kaiser war noch nicht handelseins mit dem Herzog, und auch nach- dem der Herzog am 26. Juni von Neuss aufgebrochen war, hatte der
1) Der betreffende Briefwechsel Publications 1. ec. p. 112 ff. 2) Thomas Basin éd. Quicherat II, 344. 3) Gingins, Dépêches 1, 168.
Kaiser dem Sire de Craon in Aussicht gestellt, dass er jetzt mit 10 000 Mann nach Metz kommen würde. Plötzlich abbrechen konnte der König den Feldzug nicht, aber es konnte ihm auch nicht in den Sinn kommen, zu grösseren Unternehmungen, deren Vorteile lediglich dem Jungen René in den Schoss fallen mussten, in Luxemburg die Hand zu bieten. Herzog Rene musste überhaupt klein gehalten werden; der alles berechnende König bedachte sicherlich, dass dieser Fürst ein Nebenbuhler bei seinen Plänen auf die Erbschaft des Hauses Anjou war. Wenn man die spätere Haltung der französischen Führer gegen- über dem thatendurstigen Fürsten erwägt, so kann kein Zweifel obwalten, dass der Sire de Craon höheren Weisungen folgte, wenn er sich wie ein Hemmschuh an alle Unternehmungen des Fürsten hing. Hingegen scheint der König seinen alten Plan wieder aufgenommen zu haben. die Streitkräfte der Niederen Vereinung und also auch des Herzogs von Lothringen sowie die der Eidgenossen für einen Feldzug in Burgund zu verwerten; in der That konnte er in dieser Hinsicht seinem burgundischen Gegner keine wirksamere Diversion machen, wenn dieser sich nun anschickte, sich mit dem König von England zu vereinigen. Ein französisches Heer hatte am 20. Juni unter der Führung des Sire de Combronde einen glänzenden Sieg zu Guipy bei Chäteau-Chinon über die Burgunder davongetragen, und eben jetzt sollte sich ein statt- liches Heer von Elsässern und Schweizer Söldnern am 8. Juli bei Dam- merkirch sammeln, zunächst freilich, um gemäss dem Wunsche der elsäs- sischen Reichsstädte die Burgen der burgundischen Barone am Doubs zu brechen. Der österreichische Landvogt, Graf Oswald von Tierstein. und Herr Niclaus v. Diesbach, der Anführer der Berner Mannschaft. wünschten aber nichts sehnlicher als dem Herzog von Lothringen und dem Sire de Craon die Hand zu reichen, um dann in Gemeinschaft mit dem Sire de Combronde von allen Seiten auf Hochburgund loszu- gehen; auch die Reichsstädte waren dieser Erweiterung des Feld- zugsplanes nicht abgeneigt, sobald jene erste Aufgabe erfüllt war, und hierbei hoffte man auf Mitwirkung der lothringisch-französischen Streit- kräfte. Am 19. Juni!) bereits hatte die Niedere Vereinung in allzu erosser Sicherheit dem Herzog René verheissen, dass das Heer der Vereinung binnen 15 Tagen vor Blamont?) stehen sollte. Der Feldzug
1) cfr. hierüber einstweilen Knebel p. 253 und a. a. O, Diese Verhältnisse können hier nur gestreift werden.
2) Das feste Schloss des Herrn von Neufchätel, südlich von Montbéliard. cfr. die Geschlechtstafel des mächtigen Geschlechtes in der Ausgabe des Tage- buches von Knebel durch W. Vischer Bd. Ill, Beilage 21.
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kam in der That zu stande, und der Graf v. Tierstein erwartete nun im Lager zu Dammerkirch Abgesandte des Herzogs von Lothringen und des Sire de Craon, um den Feldzug im einzelnen festzustellen. Dass diese aber ausblieben. hatte seinen Grund wahrscheinlich darin, dass sich über dem Haupte des Herzogs René ein Gewitter zusammen- gezogen hatte, wie er es sich nicht hatte träumen lassen.
In jenen schweren Tagen, als Herzog Karl im Anfang Mai vor Neuss eine Hiobspost nach der anderen empfing, hatte ihn nichts mehr erbittert. als dass auch Herzog René sich der Schar seiner Gegner an- eeschlossen hatte. Er vergass, dass er selbst die Schuld trug, dass er den unterschätzten Fürsten in eine unerträgliche Zwangslage gedrängt hatte. Gerade damals muss es ihm erst recht klar geworden sein, welche Bedeutung Lothringen für ihn hatte. Von seinen Stammlanden, die er noch immer als den wertvollsten Bestandteil seiner Besitzungen betrachtete, war er vollständige abgeschnitten, und das hatten die Er- eienisse wenigstens deutlich gelehrt, dass aus den verschiedenen Ländern, die dem Herzog gehörten. nimmermehr ein einheitlicher Staat werden konnte, so lange das Herzogtum Lothringen dieselben quer durchspaltete. Herzog Karl war entschlossen, den Umstand, dass Herzog René von dem Vertrag zu Nancy zurückgetreten und sein Feind geworden war, rücksichtslos auszunutzen und Lothringen ebenso zu einer burgun- dischen Provinz zu machen, wie er es mit Geldern gethan hatte. Diesen Plan verfolgte er jetzt mit derselben Hartnäckigkeit, mit der er vorher vor Neuss alle Vorteile seiner ausserordentlich günstigen Lage ver- scherzt und seinen Gesnern einen unbegrenzten Spielraum gelassen hatte. Es musste sich allerdings jetzt fragen, was der König von Eng- land dazu sagte, wenn er nun nach Frankreich kam, um mit Karl gen Paris zu ziehen, und dieser, anstatt ihm die Hand zu reichen), auf Lothringen zog. Wie Karl sich das dachte, hat er noch am Tage des Waffenstillstandes mit dem Kaiser dem (Gesandten seines Bundesge- nossen, des Herzogs von Mailand, Panigarola auseinandergesetzt. Da- nach beabsichtigte er zunächst, Lothringen zu erobern, um die Verbindung mit Burgund wieder zu eröffnen, dann durch die Champagne vor- dringend sich im Herzen Frankreichs mit dem englischen Heere, welches durch die Picardie ziehen sollte?), zu vereinigen. Das Unge- heuerliche dieses Planes kam ihm nicht in den Sinn. Die Vernunft musste ihm sagen, dass, nachdem er die Feindschaft des Herzogs von
1) Gingins, Depêches 1, 159. >) Ganz in der nämlichen Weise entwickelt auch Thomas Basin II, 357 den Plan von Herzog Karl.
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Lothringen einen Monat lang ertragen hatte, er sie auch noch eine zeitlang weiter aushalten konnte, dass sein Plan aber bedeutete, den Bauer auf dem Schachbrett zu schlagen und den König sich entgehen zu lassen. Was konnte ihm die Feindschaft des Herzogs von Lothringen machen, wenn er im Verein mit seinem Schwager König Ludwig überwältigen konnte! Dass König Eduard zu diesem Plane seine Zustimmung geben würde, war nie und nimmermehr zu erwarten. Wie konnte er auch! Er sollte sich von seinen natürlichen Verbindungen entfernen, sich mit seinem Heere in das Herz von Frankreich wagen und die französische Uebermacht auf sich ziehen ! Gott hatte Herzog Karl den Sinn verwirrt, sagt Philipp de Commines, der in seiner Art nicht viel weniger Frömmiekeit besass, als sein könig- licher Herr und Gebieter. So wie vor Neuss alle Ratschläge der Vernunft, diese Belagerung aufzugeben, an dem Starrsinn des Herzogs abgeprallt waren, so auch jetzt in Bezug auf Lothringen.
Am 27. Juni war Herzog Karl mit seinem arg gelichteten und infolge der Strapazen völlig erschütterten Heere von Neuss aufge- brochen. Während er selbst aber nach Flandern eilte, sowohl um mil dem König von England zusammenzutreffen, als auch um die Mittel zu neuen Rüstungen aufzubringen, hatte er den Grafen von Campo- basso !) mit den lombardischen Söldnern und seinen Ordonnanzkom- pagnien nach Luxemburg entsandt, um hier nun in kräftiger Weise zum Angriff vorzugehen. Ihm voraus entsandte er am 5. Juli ein in äusserst schroffem Ton gehaltenes Schreiben an Herzog Rene als Ant- wort auf dessen Fehdeankündigung. Er rief dem Fürsten darin die Verträge und Versprechungen ins Gedächtnis, die er freiwillig eingegangen wäre. Die Gründe, welche Herzog Rene, um seinen Treubruch zu beschö- nigen angeführt, seien hinfällig ; der von den Burgundern in Lothringen ver- ursachte Schaden sei unbedeutend gewesen, und zudem habe er sich beeilt, Abhülfe zu schaffen; der Krieg mit dem Kaiser habe in keiner Weise den Charakter eines Reichskrieges getragen, sodass Herzog René deshalb gezwungen gewesen wäre, Friedrich III. Hülfe zu leisten, und König Ludwig habe Herzog René weder als Herzog von Lothringen noch als Graf von Vaudemont irgend etwas zu befehlen, weshalb er der Bundesgenosse des Königs hätte werden müssen. Hingegen trage Herzog René verschiedene Lehen von Burgund, wodurch seine Schuld nur noch grösser werde. «Ihr könnt, ohne Eure Treue, Euern Eid und Eure Ehre zu verletzen, keinerlei Dienste wider uns thun, für wen es auch
1) Ueber die Persönlichkeit dieses Neapolitaners, der Herzog Johann von Calabrien als Flüchtling aus Neapel gefolgt war, cfr. Digot 249, Huguenin p. 57.
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sei, selbst nicht für den Kaiser oder den König von Frankreich. Und wenn Ihr es thut, müsst Ihr bei aller Welt als treu- und ehrlos gelten. «Der Brief schloss mit der drohenden Aufforderung an Herzog Rene, den Vertrag von Nancy zu halten, alle Feindseligkeiten im Dienste des Kaisers und des Königs von Frankreich einzustellen, Verträge, die er mit denselben geschlossen, wieder rückgängig zu machen und den Bur- sundern freien und sicheren Durchgang durch Lothringen zu gestatten. Im andern Fall würde er wider ıhn als einen Eidbrüchigen verfahren und ihn mit Gottes Hülfe den Unterschied kennen lehren zwischen seiner Freundschaft und der Feindschaft, die Herzog René vorziehe. !)
Schwerlich erwartete Karl von diesem Schreiben eine Sinnes- änderung bei dem jungen Fürsten; mit seinem stolzen Ton und seinen falschen Behauptungen war es auf die Bevölkerung berechnet, um sie einzuschüchtern und irrezuleiten. Gleichzeitig wandte?) er sich an den lothringischen Adel, und indem er ausführte, dass Herzog René unter nichtigen Vorwänden und vermutlich ohne Zustimmung der Ritterschaft sich vom Vertrage von Dijon losgesagt und ihm Fehde angekündigt hätte, forderte er denselben auf, dem Herzog in seinem vertragswidrigen Beginnen in keiner Weise Beistand zu leisten und Brief und Siegel zu halten. Es lässt sich nicht in Abrede stellen, das der Brief des Her- zogs bei der lothringischen Ritterschaft eine bedeutende Wirkung er- zielte: in dem sich jetzt entspinnenden Kriege verhielt sich der Adel, wenigstens in den Landesteilen französischer Zunge, im ganzen teil- nahmslos und überliess es den elsässischen Verbündeten des Herzogs, dessen Sache wider Burgund zu führen.
Indessen war eine wichtige Entscheidung gefallen: am 5. Juli war König Eduard von England in Calais gelandet; am 11. Juli suchte ihn Herzog Karl ebendort auf, um ihn für seinen Plan zu gewinnen. So schlug er ihm denn im Ernste vor, dass jede Armee getrennt operieren sollte; während er selbst die Franzosen und Lothringer aus Luxem- burg vertreiben und sich Bars und Lothringens bemächtigen würde, sollte König Eduard die Somme überschreiten und über Laon und Soissons in Frankreich vordringen; der Vereinigungspunkt sollte Reims sein, wo König Eduard dann gekrönt werden würde Es war natür- lich, dass der König diesem Plane nichts weniger als geneigt war, aber Herzog Karl hoffte dennoch ihn seinen Absichten geneigt zu machen und in dieser Voraussetzung schrieb er am 23. Juli an den Rat von Burgund zu Dijon, alle entbehrlichen Streitkräfte aus den beiden Bur-
1) Huguenin 47; Digot 245.
2) Von Huguenin p. 346, aber leider lückenhaft veröffentlicht,
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gund nach Lothringen zu entsenden.!) Niemand war mehr froh als König Ludwig über die Verblendung seines Gegners. Der Niederen Ver- einung und Bern teilte er am 17. Juli die Absicht des Herzogs, sich sen Lothringen zu wenden, mit und bat beide Teile um ihre Hülfe: so wollte er selbst mit seiner Armada zu ihnen stossen und die Absichten des gemeinsamen Feindes vereiteln.?) Den Herzog von Lothringen aber, der sich an den königlichen Hof begeben hatte, machte er zwar nicht zum Konnetable von Frankreich, wie es dieser vielleicht erwartete, ?) aber er konnte ihn doch nicht besser in seinen kriegerischen Absichten bestärken, als dadurch, dass er ihn jetzt zum königlichen Statthalter ernannte in den Landschaften, die voraussichtlich Schauplatz des Krieges werden mussten, in Champagne, Brie, Sens und Langres, und ihn für diese Gegenden mit unbeschränkten militärischen Vollmachten bekleidete. ®)
Während aber Karl in seinen nördlichen Landschaften aus allen Kräften rüstete, um sein Heer in stand zu setzen, den Kampf mit Lothringen, dem Elsass und den Eidgenossen aufzu- nehmen, war König Eduard, da er seinen Schwager von seinen Ent- schlüssen nicht hatte abbringen können, mit König Ludwig in Ver- handlungen getreten. Niemals hatte das Glück dem französischen Herrscher mehr gelächelt, als jetzt, da er mit leichter Mühe die grösste Gefahr abwenden konnte, welche jemals seiner Regierung gedroht hatte. So wurde man auch sofort auf beiden Seiten einig; mit vollen Händen gab der König das Gold her, um den Feind loszu- kaufen und zum Abzug zu bewegen. Wie ein Donnerschlag musste diese Nachricht auf Herzog Karl wirken! Vergebens suchte er die Ver- handlungen rückgängig zu machen; als König Eduard begütigend mit- teilte, dass ihm der Beitritt in dem Vertrage offen gehalten wäre, lehnte der Herzog dies wütend ab; ihm wollte er keinen Frieden ver- danken: erst wenn König Eduard drei Monate in England wäre, würde er seinen Frieden mit England machen?’). So gross war die Erbitte- rung zwischen den beiden Schwägern, dass Eduard jetzt gar dem König Ludwig seinen Beistand im Kriege wider Karl anbot. Teuer kam dem Burgunder wahrlich Lothringen zu stehen, noch bevor er es erobert hatte! Worauf die burgundische Politik jahrelang hinge- arbeitet hatte, auf die Vereinigung der burgundischen und englischen
1) Dépêches 1, 186.
?) Strassburg. St-A. AA. 280. 3) Dépêches 1, 194.
4) Digot 3, 250.
5) Commines.
Streitkräfte. Herzog Karl verzichtete in seiner Verblendung, davon Ge- brauch zu machen, um einen schwachen Gegner zu erdrücken, der ihm erst recht nicht entgehen konnte, wenn Frankreich niedergeworfen war. Noch mehr Opfer brachte er aber, selbst seine Ehre gab er hin, um Lothringen zu erobern, seine Rache an den elsässischen Städten und den Eidgenossen zu sättigen. Wenn Herzog Karl es in seiner Wut abgelehnt hatte, dem Frieden Englands mit Frankreich beizutreten. so besann er sich bald eines andern: er musste nicht nur Frieden mit Frankreich schliessen. sondern zum mindesten sich auch einer wohl- wollenden Haltung Frankreichs gegenüber der Verwirklichung seiner Absichten versichern, wenn anders er seine Pläne bezüglich Lothringens, der Niederen Vereinung und der Eidgenossen zu Ende führen wollte. König Ludwig hatte aber kein grösseres Interesse, als seinem Feinde goldene Brücken zu bauen, um in Frankreich selbst Herr zu werden. So kam der Vertrag von Soleuvre !), so benannt nach dem gleichnamigen Schlosse in Luxemburg, am 13. September zu stande, der beiden Teilen auf 9 Jahre Frieden gewährte.
Es ist hier nicht der Ort, auf die Einzelnheiten dieses berüchtigten Vertrages einzugehen, der des einen Fürsten so gut wie des andern würdig war. Es war ein Handelsgeschäft, welches beide Fürsten abschlossen : dafür dass Karl den Konnetable von Frankreich, Grafen Ludwig von St. Pol, der sich zu ihm geflüchtet hatte, der Rache des Königs preis- gab, überliess dieser ihm die Niedere Vereinung und — auch den Herzog von Lothringen, den er selbst in den Krieg gestossen hatte, und gab ihm St. Quentin noch dazu in den Kauf?). Das durfte na- türlich nicht vor aller Welt in dem Vertrage selbst ausgemacht werden; dafür gab es eben die geheimen Zusätze, welche bestimmten Festsetzungen des Vertrages eine eigene Deutung und Erklärung gaben. In dem Ver- trage war ausgemacht worden, dass nur die bereits in dem ersten Waffenstillstande des Jahres 1471 aufgeführten beiderseitigen Bundes- oenossen in den Waffenstillstand einbegriffen sein sollten. Danach war bereits die Niedere Vereinung als solche ausgeschlossen, aber der Herzog von Lothringen konnte für die Oeffentlichkeit nicht ausgeschlossen werden); er hatte wie die andern dem König bis zum 1. Januar 1476 zu erklären, ob er geneigt wäre, dem Vertrage beizutreten oder nicht.
1) Der Vertrag und die zu demselben gehörenden Geheimartikel bei Lenglet LU, 410 ff.
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2) So fasst ihn mit Recht auch Thomas Basin Il p. 367 ff. auf. Der Tadel von Quicherat ist unberechtigt.
3) Es ist mir unverständlich, wie Legeay il, 164 behaupten kann, dass Her- zog Ren& in dem Vertrage nicht als Bundesgenosse des Königs aufgeführt wäre.
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Wenn aber einer der Bundesgenossen des Königs auf eigene Faust den Herzog von Burgund bekriegte, so sollte dieser seinerseits gegen denselben Krieg führen können, ohne dass der König dem betreffenden Beistand leisten dürfte. Der Artikel war auf den Leib von Herzog René zugeschnitten; er erhielt aber erst seine richtige Deutung durch den geheimen Zusatz vom gleichen Tage: wenngleich die Bundesge- nossen ihren Beitritt erst bis zum 1. Januar zu erklären brauchen, so haben sie sich dennoch innerhalb dieser Zeit aller Feindseligkeiten zu enthalten, sobald der Waffenstillstand zu ihrer öffentlichen Kenntnis sekommen und öffentlich verkündet ist; im andern Fall schliessen sie sich von den Wohlthaten des Friedens aus, falls sie nicht zur Zufrie- denheit des verletzten Teiles Genugthuung leisten. Der Friede be- stimmte für beide Teile und ihre Bundesgenossen die Wiederherstellung des Status quo. Daraus konnte der Herzog für sich das Recht ent- nehmen, von Herzog René die Durchführung des Vertrages von Nancy, das heisst freien Durchzug durch Lothringen und Wiedereinräumung der Sicherheitsplätze zu verlangen, und weigerte sich dieser und wider- setzte sich dem Beginnen Herzog Karls, so war er ein Friedensbrecher, der sich selbst von dem Waffenstillstand ausschloss. Ausdrücklich aber sewährleistete der König wiederum in einem geheimen Zusatz dem Herzog für sein Kriegsvolk Durchmarsch von seinen nördlichen Staaten nach den beiden Burgund und umgekehrt: insofern Herzog Karl seiner- seits aber ausdrücklich erklärte. dass dieser Weg nicht durch fran- zösisches (Gebiet gehen dürfte, so war damit ausgesprochen, dass dem Herzog eine Etappenstrasse durch Lothringen eingeräumt werden sollte. Das war es aber gerade gewesen, weshalb Herzog René sich vom Ver- trage von Dijon losgesagt hatte. In dem Vertrage selbst war nichts darüber bestimmt, wann derselbe vollzogen und verkündet werden sollte). Wenn dieser letzte Akt möglichst weit hinausgeschoben wurde, so war das einerseits ein Entgegenkommen des Königs gerenüber dem Hochmut des Herzogs, der sich gegenüber Eduard von England ver- messen hatte, nicht eher Frieden mit Frankreich zu schliessen, als bis dieser drei Monate jenseits des Kanals geweilt hätte: aber es war auch von hoher praktischer Bedeutung. Der Herzog entnahm daraus die Berechtigung, solange der Vertrag noch nicht vollzogen war, seinen Gegner mit Krieg zu überziehen, während es gleichzeitig allerdings auch König Ludwig bis dahin unbenommen blieb, seinem bisherigen Bundesgenossen Hülfe zu leisten. Für den König war aber in dieser Hinsicht massgebend,
1) Zu Langres wurde der Vertrag am 19. October, zu Dijon am 27. Oct. verkündet. Legeay Il. 164.
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ob Herzog Karl sich seiner Verpflichtung entledigte und den Konnetable seinem königlichen Schwager und Henker auslieferte ; that er das, so war der König bereit, ihn in allem gewähren zu lassen.
So hatte Herzog Karl allerdings sich den Rücken gesichert, aber um einen teueren Preis; zu dem, was er schon geopfert, sab er nun auch noch seine Ehre, um Lothringen zu gewinnen. Dem König Ludwig machte es kein Bedenken, seine Bundesgenossen zu ver- raten; er konnte auch nicht verlieren, was er schon längst nicht mehr besass. Jetzt aber durfte auch Karl nicht mehr das Paradepferd der ritterlichen Ehre tummeln, wie er es sonst dem König gegenüber zu thun beliebte. Für die verratenen Bundesgenossen, den Herzog von Lothringen und die Vereinung war es verhängnisvoll, dass sie überhaupt nicht wussten, was wider sie im Werke war. Da der Wortlaut des Vertrages bis zu seiner Vollziehung der Niederen Ver- einung unbekannt blieb, so traute sie den bis zum letzten Augenblick wiederholten, feierlichen Versprechungen des Königs und glaubte nicht anders, als dass sie in den Vertrag von Soleuvre mit einbegriffen wäre. Anders dachte auch Herzog René nicht, und so ward ihnen der Gang der Ereignisse unbegreiflich, bis dann endlich der abscheuliche Wort- bruch für jedermann erkennbar wurde,
IV.
Nachdem der Graf von Campobasso dem Sire du Fay die so heiss ersehnten Verstärkungen zugeführt hatte, konnten beide Führer daran denken, ihrerseits zum Angriff überzugehen. Sie sammelten beträcht- liche Streitkräfte an der Grenze; gegen 1200 Lanzen und zahlreiches Fussvolk folgte ihnen zu einem Einfall in das Herzogtum Bar !). Gondre- court, Landres und Etain gerieten in ihre Hände, worauf sie sich vor Conflans?) legten, das von dem baskischen Hauptmann Gratien d’Aguerre wacker verteidigt wurde. Er wie andere seiner Landsleute hatten in Catalonien unter den Fahnen von Herzog Johann v. Calabrien ge- fochten®?). Wirksame Hülfe fand er an einer Abteilung Lothringer, die unter Befehl des Marschalls von Lothringen, Grafen Johann v. Salm, zu Briey Stellung genommen hatte und von hier aus das Belagerungs- heer in Unruhe hielte. Im Lande selbst rief das Herannahen der
1) Gingins, Depeches 1, 194. Die Chron. de Lorraine gibt ihnen 6000 Mann.
2) Guillaume de Vergy gibt in seinem Bericht vom 31. August bei Gingins, Depêches 1, 218 dem Belagerungsheer eine Stärke von 13 bis 14000 Streitern; möglicher Weise verwechselt er es mit der Avantgarde von Hz. Karl.
®) Lepage L c. 380.
Burgunder grosse Unruhe hervor, und es scheint, als ob eine burgun- dische Partei anfing sich zu regen. Herzog Rene befand sich gar nicht im Lande); ohne an die Möglichkeit eines Einfalls in sein eigenes Land zu denken, hatte er sich an den königlichen Hof begeben, um vom König den Beistand eines starken reisigen Geschwaders ?) zu erwirken, da er gemäss früheren Verabredungen in Gemeinschaft mit der in der Franche-Comté stehenden Armee der Niederen Vereinung gegen Hochburgund zu ziehen gedachte. Diese Absicht musste jetzt natürlich zunächst aufgegeben werden; dafür erlangte er aber vom König das Versprechen, dass ihm der von Craon mit seinem ganzen Volk, wohl an 500 Gleven, zu Hülfe ziehen sollte; ebenso bat er am 28. Juli seine elsässischen Verbündeten, ihm in Gemässheit ihrer Bundes- pflicht mit ihrer Macht gen Nancy zu Hülfe zu ziehen. Schon vorher aber hatten die Räte von Lothringen auf die erste Nachricht vom An- zuge der Burgunder Colin von Heringen an die Vereinung abgesandt und dieselbe wie die Befehlshaber des in der Franche-Comté stehenden Heeres am 22. Juli um Hülfe gebeten.
Im Elsass fand das lothringische Hülfegesuch das grösste Ent- gegenkommen. Auch jetzt wieder war Strassburg die treibende Macht und übernahm die Führung der Bewegung, um Herzog René zu helfen. Trotzdem die Mittel der Stadt durch den Feldzug nach Blamont schon bedeutend angestrengt waren, so unternahm sie doch sofort neue Rüstungen und wandte sich an Bischof Ruprecht von Strassburg, dass er einen Tag der Vereinung berufe, um über eine gemeine Hülfe zu beraten; gleichzeitig wies sie die Hauptleute «in der oberländischen Reise» an, den lothringischen Räten den reisigen Zug?) auf Erfordern zur Verfügung zu stellen. Hier aber hatte der Hülferuf der Lothringer zu heftigen Streitigkeiten Anlass gegeben. Der oberste Anführer, Graf Oswald von Tierstein, führte nur widerwillig den Krieg gegen die Schlösser der burgundischen Barone und hätte am liebsten das ganze Heer gleich den Lothringern zugeführt; die elsässischen Reichsstädte
1) Die Darstellung der Chron. de Lorraine, welcher Huguenin und Digot folgen, zeigt sich auch hier wieder als sehr unzuverlässig; unsere Darstellung beruht auf dem Briefwechsel von Herzog René und seinen Räten mit Strassburg. Strassburg.-St.-A. AA. 272. Dazu bieten die von Gingins veröffentlichten Berichte einige Ergänzungen. Dennoch bleibt in diesem ersten Teil des Feldzugs vieles dunkel.
?) Aus dem Umstand, dass jetzt und später Herzog René namentlich em- pfindlichen Mangel an Reiterei erlitt, geht schon hervor, dass der Adel, welcher diese Waffe bildete, sich zum grössten Teil vom Kampfe fernhielt.
#) Vor Blamont bedurften die Verbündeten der Reiterei nicht.
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aber wollten den ursprünglichen Feldzugsplan ausgeführt wissen und wenigstens das feste Blamont brechen. Es wurde dann eine Ueber- einkunft in der Weise erzielt, dass der Landvogt Graf von Tierstein das reisige Geschwader von Herzog Sigmund nach Lothringen hinüber- führen sollte. Diese Hülfe mochte jedoch dem Landvogt zu gering er- scheinen; er begab sich ins Elsass zurück und berief im Bereich der österreichischen Herrschaft das allgemeine Aufgebot auf den 8. August zu einem Feldzug nach Lothringen mit dem Sammelort Reiningen im Sundgau ?).
Die Massregel, welche der Landvogt auf eigene Faust getroffen hatte, deckte sich mit den Beschlüssen, welche die Vereinung auf einem Tag zu Schlettstadt am 3. August gefasst hatte.?) Der Tag wurde von sämtlichen Mitgliedern der Veremung besucht, und die lothringischen Gesandten Colin von Heringen und Hans Volmar aus Saarburg konnten ein zutreffendes Bild von der Gefahr entwerfen, die von Burgund drohte. Es traf sich sehr günstig, dass gerade jenes schon früher erwähnte Schreiben von König Ludwig eingelaufen war, worin er bat, den Herzog von Lothringen nicht in Stich zu lassen, und seinen persönlichen Beistand in Aussicht stellte. Die Versammlung nahm die gleissnerischen Worte des Königs für bare Münze und wurde nur noch mehr in der Absicht bestärkt, Herzog René in kräftigster Weise Hülfe zu leisten. Dieser hätte sich nicht beschweren können, wenn die Vereinung sich darauf beschränkt hätte, ihm den Zuzug des augenblicklich noch vor Blamont liegenden Heeres in Aussicht zu stellen. Der Bund aber wollte den Fall dieses festen Platzes nicht abwarten und beschloss, dem Herzog gleich eine Hülfe von 3000 Mann zuzu- senden, die in der Weise umgelegt werden sollten, dass der Bischof von Strassburg 350 Mann zu Ross und zu Fuss nebst 2 Streitbüchsen, die Stadt Strassbuse 500 Mann zu Ross und zu Fuss nebst 4 Streit- büchsen, die übrigen beteiligten Reichsstädte 200 Mann zu Ross und zu Kuss und 2 Streitbüchsen und endlich der Herzog von Oesterreich die übrigen 2000 Mann stellen sollte ?). Die Streitkräfte sollten sich am I1. August zu Weiler sammeln und auf dem gewohnten Heerwege über Bergarten*) nach Nancy marschieren. Der Bischof und die Stadt Basel
1) Knebel p. 276.
>?) Der Abschied des Tages im Colmar. St.-A. AA. nr. 71; in kürzerer Fas- sung im Strbg. St.-A. AA. 270 und 261; ebenda AA. 276 das Anbringen des loth- ringischen Gesandten Colin v. Heringen.
#) Das macht zusammen allerdings 3050.
*) Jetzt Baccarat, damals ein Hauptknotenpunkt der Strassen über die mitt- leren Vogesen.
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waren in diesem Anschlag von der Hülfe entbunden worden. weil sie eine Reserve für die Belagerungsarmee vor Blamont bilden sollten, falls der Bastard von Burgund, der bedeutende Streitkräfte in der Franche-Comté gesammelt hatte, versuchen sollte, den belagerten Platz zu entsetzen. Nach dem Fall dieses Platzes sollte aber auch das dort stehende beträchtliche Heer gen Lothringen abziehen.
Zugleich beschloss der Bund, einen umfassenden diploma- tischen Feldzug zu Gunsten des Herzogs von Lothringen in Angriff zu nehmen. Einerseits wollte man die Hülfe des Reichs wider die drohende Gefahr zu erlangen suchen; zu dem Zweck sollte eine Gesandt- schaft an den Kaiser gehen, welche demselben vorhielte, wie schwere Opfer die Vereinung bisher schon gebracht habe, indem sie nicht nur in Burgund Krieg geführt, sondern dem Kaiser sogar über ihre Kräfte Zuzug nach Neuss geschickt habe; trotz der vom Kaiser mit dem Herzog von Burgund geschlossenen Richtung habe sich derselbe jetzt erhoben. um den Herzogs von Lothringen, einen Zugewandten der Vereinung und Fürsten des heiligen deutschen Reiches, mit Krieg zu überziehen, sodass es fast scheine. als ob die Vereinung in die Rich- tung nicht einbegriffen sei. Die Anweisung für die Gesandten schliesst damit, dass dieselben den Kaiser bitten sollten, Botschaft an die- jenigen Fürsten und Städte zu senden, «die dann anstösser und gelegen sind diser vereinung ». mit dem Befehl. dem Bunde auf Erfordern zu Hülfe zu kommen.
Auch an den Könige von Frankreich sollte eine Gesandtschaft ab- gehen, um ihm die in Gemässheit seines Schreibens zu Gunsten des Herzogs von Lothringen gefassten Beschlüsse mitzuteilen und ihn zu bitten, «sich in stetter veldübung zu widerstand und abpruch dem herzogen von Burgund zu halten, desselben willens und meinung die fursten und stett noch vermögen gern tun wöllen»; falls aber der Herzog von Burgund sich unterstände ein herescraft in diese deutschen Lande zu senden, um die Mitglieder der Einung zu drängen und zu beschweren, «daz dann der künig davor wer und dem mit aller macht widderstand tete. » 1)
1) Die Gesandtschaften sollten in der Weise gebildet werden, dass die- jenige an den Kaiser sich aus je einem Abgeordneten des Bischofs von Strass- burg, des Herzogs von Lothringen und der Stadt Basel zusammenselzte, während an der Gesandtschaft an den König von Frankreich sich ausser den beiden ge- nannten Fürsten Strassburg beteiligte. Die letztere sollte am 13. August zu Strass- burg zusammentreten und zu Nancy das lothringische Mitglied aufnehmen, während
die Mitglieder der Gesandtschaft an den Kaiser sich zu Speier trefien sollten,
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Schon vor diesem Zeitpunkt aber war es Herzog René gelungen. den Feind aus Lothringen und Bar zu verdrängen. Dabei war der arelose junge Mann um eine bittere Erfahrung reicher geworden; er konnte lernen, wo er seine Freunde zu suchen hatte. Von König Ludwig war er in das Generalquartier des Sire de Craon nach Hatton- chätel geeilt und erwartete nicht anders, als dass derselbe in Ge- meinschaft mit dem lothringischen Aufgebot den Feind aufsuchen und ihm die Spitze bieten würde. Wie enttäuscht musste er sein, als dieser ihm erklärte, dazu keine Befehle vom König zu haben.!) Nun hatte König Ludwig damals noch keine Veranlassung, Herzog Karl schonend zu behandeln, und so kann man für diese Haltung des Königs nur die Er- klärung finden, dass er den jungen Herzog nicht aufkommen lassen wollte. Herzog René liess sich dadurch aber nicht entmutigen; er glaubte auch allein stark genug zu sein, es mit dem Feinde aufzunehmen, und wollte ihm entgegenrücken. Da fügte der Franzose zu seinem bisherigen hinterhaltigen Verfahren offenbaren Verrat hinzu: während er selbst mit seiner Armee abzog, liess er den Burgundern im geheimen den guten Rat zukommen, sich schleunigst fortzumachen, oder sie würden Luxemburg niemals wiedersehen. Das liessen diese sich nicht zweimal sagen; nachts in aller Stille luden sie ihr Geschütz und Gepäck auf und rückten in solcher Eile ab. dass die Lothringer sie nicht mehr einholen konnten.
So war einstweilen der Boden Lothringens wieder frei vom Feinde, und zunächst hatte es daher auch mit dem Auszug der Elsässer sein Bewenden.?) Bald aber schoben sich die burgundischen Heerscharen aufs neue wieder vor, und auf die Nachricht, dass dieselben sich an- schickten, Sierck an der Mosel zu belagern,?) wandte sich Herzog René am 16. August aufs neue an die Niedere Vereinung um Hülfe. *)
Es traf sich günstig, dass Blamont endlich am 9. August gefallen war. Der Wunsch Strassburgs ging nun dahin, dass das Heer, nach- dem die Festung geschleift wäre, gen Lothringen ziehen sollte, und die Stadt ging in ihrer Opferwilligkeit so weit, dass sie sogar bereit war, die eidgenössischen Knechte, welche bisher in ihrem Sold gefochten hatten,
1) Chron. de Lorraine. Jean Lud p. 21.
?) Knebel p. 281 lässt die Elsässer falsch am 10. August als an dem ur- sprünglich beschlossenen Zeitpunkt ausrücken.
3) Wilh,. v. Rappoltstein an Colmar. Colm. St.-A. AA. nr. 74.
4) Strbg. St.-A. AA. 272.
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auch für diesen Zug weiter zu behalten. Traurige Vorgänge führten aber die Auflösung des Heeres herbei. Die Zuchtlosigkeit der Eidgenossen, namentlich der Luzerner Söldner, die im Dienste Basels standen, ge- fährdete ihre elsässischen Waffenbrüder an Leib und Gut, sodass sie nicht länger mit den Eidgenossen zusammen dienen wollten: unter den Strassburger Handwerkern brach sogar eine Meuterei aus, und zur grössten Unzufriedenheit von Strassburg zogen die einzelnen Truppenteile heim. Die nächste Folge war die, dass jetzt endlich der grosse Bastard, der mit 15 bis 14000 Mann zu Vesoul stand, sich anschicken konnte, den Befehl seines herzoglichen Bruders auszuführen und die so lange ver- sperrte Verbindung zwischen den beiden Burgund und Lothringen zu eröffnen. Lothringen war somit von hüben und drüben, von Nord und Süd mit einem feindlichen Einfall bedroht.
Im Elsass waren jetzt auf den Hülferuf des Herzogs die Rüstungen eifrig wieder aufgenommen und so gross war die Bereitwilligkeit der Bundesgenossen, dass einzelne Bundesmitglieder die festgesetzte Zahl des Anschlages erheblich überschritten; nicht 3000 sondern über 4000 rückten aus, dem Herzog zum Beistand. Die Strassburger zogen am 21. August!) aus, 500 Mann zu Fuss, 300 zu Ross. Hauptmann des rei- sigen Zuges war Herr Jakob Bock, welcher das Fähnlein der Stadt führte; ihm zur Seite standen Herr Hans v. Kageneck, Herr Adam Zorn und Herr Gerhard v. Hochfelden: das Fussvolk wurde von Bechtold Offen- burg geführt und stand unter dem Oberbefehl des Hauptmanns des reisigen Zugs. Die Mannschaften wurden von der Stadt selbst ver- pflegt und der Betrag ihnen dafür verrechnet und vom Solde abge- zogen. Die Sorge für die Verpflegung lag zwei Liefermeistern ob, welche in ihrem Amte von den dazu bestellten Handwerkern, Bäckern, Metzgern, Küfern und Wirten unterstützt wurden. Die Nahrungsmittel für Menschen und Pferde, Korn, Hafer, Häringe und Stockfische für die Fasttage, allenfalls auch Fleisch sowie Wein wurden in den (Ge- genden, durch die man kam, aufgekauft. Nachtquartiere waren ins Auge gefasst zu Hüttenheim, Weiler, Moyenmoutier, Baccarat und für Samstag, den 26. August, zu Lunéville oder zu Gerbeviller oder anders-
1) Mont. v. Barthol. Den Tag giebt die Archivchronik im Cöde historique de Strassbourg II. 194; er wird sicher gestellt gegenüber Knebel durch die in der Verpflegungsordnung für diesen Auszug angegebenen Nachtquartiere. Die Fest- setzung dieses Tages ist um so wichtiger, als es in der Chronique de Lorraine an allen chronologischen Anhaltspunkten fehlt. Es würde mich zu weit führen, an dieser Stelle auf Organisation und Verpflegung der Strassburger Mannschaften
näher einzugehen.
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wo. je nach Lage der Dinge. Dem Auszug der Strassburger schloss sich derjenige des Bischofs Ruprecht mit 800 Mann unter dem Befehl des Vitztums Strassburger Bistums Anton von Hohenstein und Walters von Thann, sowie derjenige der Reichsstädte Schlettstadt und Colmar !) an; die Baseler in der Stärke von 600 Mann werden mit dem öster- reichischen Aufgebot unter dem Befehl des Landvostes Grafen Oswald von Tierstein gezogen sein, der nun auch die oberste Heeresleitung übernahm. Hinzu kamen noch die Truppenteile einzelner Elsässer Landherren; der Herr von Rappoltstein zog mit 50 Reisigen und 60 Fussknechten aus; der Graf von Lupfen sandte 100 Fussknechte, die Herren von Andlau 30 Fussknechte und 8 Reisige.
Die Steitkräfte der Vereinung trafen den Herzog zu Pont-a-Mousson, wohin er sich, verlassen von den Franzosen, zurückgezogen hatte. Der Fürst befand sich in der misslichsten Lage. So wertvoll ihm auch der Beistand seiner deutschen Verbündeten sein musste, er reichte nicht aus gegenüber einem so mächtigen Gegner wie dem Herzog von jurgund, wenn ihm König Ludwig seine Hülfe entzog; denn darüber konnte jetzt kein Zweifel mehr sein, dass alle Rüstungen des Herzogs von Burgund Lothringen galten. Auf der anderen Seite war es be- kannt, dass Friedensverhandlungen zwischen den beiden Monarchen von Frankreich und England, im Gange waren, und wenn, wie nicht anders zu erwarten, auch Burgund einbegriffen wurde, dann konnte Lothringen nicht ausgeschlossen werden. Auch ein welterfahrener Mann konnte nicht annehmen, dass so sehr Treue und Redlichkeit ge- schwunden wären, dass der König von Frankreich seine Hand dazu bieten konnte, denjenigen von den Wohlthaten des Friedens auszu- schliessen, den er selbst durch seine Vorspiegelungen in den Krieg gehetzt hatte. Mit Spannung musste der Herzog und die elsässischen Bundesgenossen horchen auf die Berichte der Gesandtschaft, die nun in der That an den französischen Hof abgegangen war. Und dasjenige, was dem Herzos sein (Gesandter, der welterfahrene Landvost Jean Wisse von Gerbeviller, am 31. August meldete, lautete nun allerdings sehr tröstlich ?).
Als sie zu Amiens ankamen, war der König viel zu sehr mit den englischen Verhandlungen beschäftigt, und erst als der Friede mit
2) Die in der Chronique mitgeteilten Namen sind gänzlich verdorben; der Anführer der Colmarer ist nicht Hans von Haus. Thann wird mit Unrecht als selbständig angeführt, da es eine österreichische Landstadt war.
2) Der Bericht wurde am 10. September von den lothringischen Räten auf dem Tag zu Colmar in Uebersetzung der Vereinung mitgeteilt und gelangte so in die Hände von Knebel p. 290 ff.
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König Eduard endgültig geschlossen war, wurde Jean Wisse vom König am 31. August empfangen, der ihm natürlich die besten Versprechungen gab: er wollte dem Herzog René Gensdarmes in merklicher Zahl schicken und das in kurzem versehen, und im Notfall sich in eigener Person herbegeben. Ebenso gab er bezüglich des Friedens die tröstlichsten Versicherungen: der Herzog werde in allen Fällen mit einbegriflen werden. Bezüglich weiterer Verhandlungen wies der König den Ge- sandten jetzt an den Sire de Craon, der sich ebenfalls am Hofe befand, und dieser sprach von 10000 Reitern, die der König schicken würde. Sehr bedenklich klang nun aber, was der Gesandte weiter meldete. Der Herzog von Burgund hätte durch den Sire de Contay sich bereit erklärt, dem Frieden beizutreten, wenn der König ihm Amiens zurück- gäbe und zuliesse, dass Herzog René vom Frieden ausgeschlossen würde. Darauf hätte sich der König nicht einlassen wollen: dann aber sei der Herr von Contay bereit gewesen, auch die Forderung bezüglich Amiens fallen zu lassen, wenn der König Herzog René opfern wollte. Der König hätte aber kurz geantwortet, er thäte es nicht und er würde den Herzog nicht verlassen. Das konnte den jungen Fürsten immerhin er- mutigen, der kommenden Gefahr ins Auge zu sehen.
Indessen hatte nun Herzog René seine gesamte Streitkraft zu Pont-a-Mousson zusammengehäuft; von hier aus konnte er sich am besten gegen den Feind wenden, mochte er nun von Norden oder Süden heranrücken und ihre Vereinigung aufhalten. Die Stärke des Heeres wird angegeben zu 8000 Mann Infanterie und 900 Mann Rei- sigen: da blieb nicht viel übrig. wenn die deutschen Hülfsmannschaften abgingen, deren Stärke derselbe Berichterstatter!) zu 4000 Mann anschlägt. Den Rest des Heeres bildeten aber keineswegs Lothringer allein?); da kommen verschiedene Kapitäne gascogner und spanischer Herkunft in Betracht mit ihren Scharen, die zum Teil bereits unter Johann von Calabrien gedient hatten. Sie scheinen zwei grössere Ab- teilungen gebildet zu haben, von denen die eine durch Collinet de St- Croix, die andere durch die Brüder Gracien und Menaut da Guerra befehligt wurde. Unter jenem, einem Abenteurer wie die andern, standen die beiden Anton und Johann de Citain und Jean de Saint-
1) Guillaume de Vergy an Jean de Vergy, Gouverneur de Vaud. Gin- gins 1, 218. ;
>) Digot schreibt hier wieder einfach Calmet und Huguenin nach und so wiederholt er dieselben confusen Angaben, die Lepage schon längst be- richtigt hat.
Amadour 1); unter diesen?) sind noch als Anführer zu nennen der Baske Jeannot de Bidos und der Elsässer Caspar oder Andreas Zorn von Bulach. Ein selbständiges Kommando scheint dann noch geführt zu haben Herr Robert von Malortie, den das Haus Harcourt mit einer Kompagnie von Reisigen Herzog René zu Hülfe geschickt hatte. Vergebens sucht man hier aber nach den Vertretern der lothringischen Ritter- schaft. Anwesend waren im Heere noch die grossen deutschen Land- herren, die Grafen von Saarbrücken aus dem Hause Nassau, von Asper- mont und Rixingen aus dem Hause Leiningen, die Herren von Bitsch, die Rheingrafen von Salm, aber der grössere Teil der Ritterschaft aus dem Lothringen französischer Zunge scheint durch Abwesenheit seelänzt zu haben; entweder gaben sie die Sache ihres Herrn auf und hielten den Kampf für aussichtslos oder aber sie waren gar in das burgundische Lager übergegangen. Ihr spärliches Erscheinen bedeutete einen um so empfindlicheren Ausfall, als die Hauptstärke des burgundischen Heeres gerade in der schweren Reiterei der Gensdarmes lag, und sehn- süchtig mochte Herzog René nach den französischen hommes d’armes ausblicken, welche König Ludwig ihm verheissen hatte. Das Unglück wollte auch noch, dass im Auftrag von Herzog Sigmund von Oestreich Herr Wilhelm Herter dem Landvost Grafen Oswald von Tierstein den Befehl überbrachte, sich unverzüglich mit der herzoglichen Leibwache, die gegen 200 Pferde betrug, heimwärts zu begeben. Der Landvogt meinte zwar, er könne nicht wohl mit Glimpf scheiden, und blieb, aber es fragte sich, wie sich auf die Dauer seine Untergebenen zu dieser Missachtung des herzoglichen Befehls verhalten würden *).
So war denn dieses bunt zusammengewürfelte Heer in keiner Weise den Streitkräften gewachsen, welche inzwischen Herzogs Karl in Luxemburg zusammengehäuft hatte. Wiederum war es der Graf von Campobasso und der Sire du Fay, welche die als Avantgarde zunächst
1) Die Stelle in der Chronique lautet: Encore vint Collinet de la Croix, qui avec lui ammena les Citains et Amadour, le grant Michault, le grand Ber- trand et plusieurs autres. Indem Calmet, dem Huguenin folst, Citains gleichsetzt mit citoyens, lässt er Colinet de la Croix mit sich führen plusieurs bourgeois de Saint-Amadour. Digot macht daraus: un habitant de la Croix-aux-Mines, nommé Colinet, amena une bande assez nombreuse qu'il avait recrutée dans la ville de Saint-Amarin et aux environs.
2) Lepage p. 380 führt aus, wie von Gratien da Guerra, der zur Belohnung später von Herzog René die Herrschaften Damvillers und Chauvency erhielt, das italienische Königshaus in weiblicher Linie abstammt.
#) Ludwig Hüttele, Hauptmann in der lothringischen Reise, an Colmar dat. Navil frit. n. Barthol. (Aug. 25) 75. Colmar. St.-A. AA. nr. 77.
— 67 verfügbaren Streitkräfte in der Stärke von 13 bis 14000 Mann aufs neue in die Umgebung von Conflans führten ?). Ausser 1500 Engländern bestanden die Truppen aus jenen gefürchteten italienischen Söldnern, auf die der Herzog das grösste Vertrauen setzte, unter Anführung bekannter Führer wie Anton und Peter de Lignana, Anton de Valperga, Graf von Celano, Troylo, Jakob Galiot; von hervorragenden burgundischen Herren waren hier vertreten Herr Reinhard v. Brochusen, Herr Philipp de Berghes und andere. Bei der Ueberlegenheit der feindlichen Streit- kräfte musste Herzog René wohl fürchten, dass seine deutschen Hülfs- truppen ihn vielleicht aus Furcht vor der Ueberzahl der Feinde ver- lassen könnten. Er lud daher die Hauptleute zu einer mündlichen Besprechung am 25. August nach Schloss Preny, stellte ihnen seine Lage vor und bat sie, ihn nicht zu verlassen, sondern heimwärts um Verstärkung zu schreiben ?). Die Hauptleute sagten ihm in der That zu, Lieb und Leid mit ihm zu teilen und wandten sich in gleichlautenden Schreiben mit der Bitte um Verstärkung nach Hause. Auch der Herzog wandte sich an die Niedere Vereinung und sandte zugleich seinen früheren Unterhändler Colin von Heringen, um seine Werbung zu unterstützen*). Es handelte sich besonders auch darum. den Bund zu einem neuen Feldzug in Hochburgund zu bewegen, um dadurch den Bastard von Lothringen fern zu halten. Wie der Bund sich zu dieser Bitte verhielt, ist nicht bekannt. Augenscheinlich wurde die Lage für nicht so gefährlich angesehen; auf alle Fälle wurden zu- nächst die Truppen noch nicht verstärkt. Zudem wollte man den Bericht der Gesandtschaften an den Kaiser und König Ludwig, deren Rück- kehr bevorstand, abwarten, ehe man weiteres beschloss. Wenn die Gerüchte sich bewahrheiteten, dass über einen Frieden zwischen Frank- reich und Burgund verhandelt würde, dann, meinte man doch nicht anders, würde auch die Niedere Vereinung einbegriffen werden. Herzog René glaubte inzwischen für alle Fälle Vorkehrung treffen zu müssen. Ein Kriegsrat *) zu Pont-a-Mousson befasste sich mit der Landesverteidigung und entschied, dass man gegenüber. den überlegenen
1) cfr. den wiederholt zitierten Bericht des Guillaume de Vergv. Für die weiteren Ereignisse kommt namentlich auch das der Eroberung Lothringens ge- widmete Kapitel des gleichzeitigen burgundischen Reichshistoriographen Jean de Molinet in Betracht, das bisher noch nicht herangezogen worden ist. Chroniques de Jean de Molinet éd. Buchon 1, 149 ff.
2) cfr. einen zweiten Bericht des Colmarer Hauptmanns Hüttele vom
gleichen Tage. Colmar. St.-A. AA. nr. 76. 3) An Colmar am 26. August. Colmar. St.-A. AA. nr. 78.
*) Chronique de Lorraine bei Calmet Ill. Preuves 56. b*
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burgundischen Streitkräften, solange man noch ohne Beistand von König Ludwig wäre, sich in offener Feldschlacht nicht behaupten könnte. Man wurde daher einig, die grösseren Plätze wie Nancy, Epinal, Pont-a-Mousson zu Hauptwaffenplätzen za machen und sie mit ausreichender Besatzung und Artillerie zu versehen, damit sie einer längeren Belagerung stand halten könnten; kleinere Plätze, die doch keinen nachhaltigen Widerstand leisten konnten, wie Charmes, Bruyères, Dompaire und Arches sollten aufgegeben werden, um die zur Ver- fügung stehenden Streitkräfte nicht allzusehr zu zersplittern. Mit dem Rest der Feldarmee wollte man das freie Feld behaupten, hier aber jedem entscheidenden Schlage ausweichen und unter angemessener Benutzung der Terrainverhältnisse den kleinen Krieg wider den Feind führen. Indem man hauptsächlich das Augenmerk darauf richtete, dem Feinde bei der Belagerung jener Hauptwaffenplätze die Zufuhr abzuschneiden, durfte man hoffen, dass die Burgunder beim Herein- bruch der schlechten Jahreszeit aus Not die Belagerung aufgeben würden.
Der Plan hatte zur Voraussetzung, dass jene Städte eine geraume Zeit das burgundische Heer aufhalten könnten; nach dem Vorgang von Neuss dürfte man in dieser Hinsicht wohl einige Erwartungen hegen. Auf alle Fälle aber sewann man bei Befolgung dieses Planes Zeit, bis sich die Lage klärte und man den Freund vom Feinde unterscheiden konnte. Zum Unglück meinte der Ingenieur von Herzog René, Nicolaus Rolin, dass die Plätze, welche man aufgeben wollte, stark genug wären, um eine Belagerung auszuhalten: während die Burgunder vor denselben die Zeit verlören, hätte man um so eher Aussicht, die grösseren Städte zu behaupten, bis man im Winter oder eher noch bei Beginn des Frühlings zum Angriff übergehen könnte '). Unbegreiflicher Weise selangte dieser thörichte Plan zur Annahme; die Folge war wie immer in solchen Fällen, dass, während man alles halten wollte, man nichts behaupten konnte; die meisten Plätze waren mit durchaus ungenügender Besatzung und unzureichenden Vorräten versehen. Da der Herzog voraussah, dass der Grenzplatz Briey den ersten Anprall des Feindes auszuhalten haben würde, ernannte er zum Statthalter einen Mann seines besonderen Vertrauens, Herrn Gerhard d’Avilliers, einen der wenigen Edelleute, die ihrem Herrn in der Stunde der Not ihre Dienste nicht versagten ?). Ausser einigen Edelleuten aus dem Barrois waren es hauptsächlich 80 Schweizer, welche die Besatzung dieses Platzes bildeten.
1) Digot p. 254, der hier die Denkwürdiskeiten von Thierriat anführt, nach Chevrier, dessen Werk mir nicht zugängig ist. 2) cfr. über ihn Lepage I. c. p. 318.
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Deutsche waren es überhaupt, auf die der junge Fürst am meisten
Vertrauen setzte, und, — ein glänzendes Zeugnis für die elsässischen Mannschaften, — ihnen vertraute er die Bewachung seiner wichtigsten
Plätze an. Sie hatten ihm verheissen, in seinem Dienste zu leben und zu sterben, und so legte er vor allem in ihre Hände das wichtigste Pfand, die Landeshauptstadt Nancy. Die Besatzung der Stadt, an 4000 Mann, bestand zum grössten Teile aus Elsässer Leuten, und zwar waren es hauptsächlich Mannschaften aus Stadt und Bistum Strassburg '). Auch Pont-à-Mousson und Epinal hatten eine vorwiegend deutsche Besatzung, während die kleineren Plätze den fremden Banden, hauptsächlich den Gascognern, anvertraut wurden. Die deutschen Land- herren endlich zogen in ihr Gebiet zurück, um dies zu beschützen und den Gang der Ereignisse abzuwarten.
Wo gedachte aber der junge Fürst zu verbleiben? Warf er sich in seine Hauptstadt, um sie bis zum letzten Mann zu verteidigen? Er hatte einen anderen Entschluss gefasst. Man kann sich lebhaft in die peinliche Unsicherheit des unerfahrenen jungen Mannes hineindenken, der in seiner Brust noch die Ideale der Jugend trug. Sollte es mög- lich sein, dass König Ludwig ihn trotz seiner feierlichen Versprechungen verraten und dem burgundischen Herzog preisgegeben hätte? Es konnte nicht sein. «Hier ist sein Brief, von seiner eigenen Hand ge- sigelt, worin er verspricht, mir in eigener Person mit seiner ganzen Macht zu Hülfe zu kommen, wenn der Herzog von Burgund nach Lothringen zieht, um mich zu bekriegen ». In der Umgebung des Fürsten teilten nicht alle diese Zuversicht. «Das Versprechen ist schön und gut, wenn es nur gehalten wird». Der Herzog liess sich nicht beirren: «ich glaube, dass er sein Versprechen halten wird als ein braver König». Er schied von den Seinen und nahm seinen Weg nach Frankreich ?).
Herzog Rene traf den König am 9. September zu Senlis, als derselbe eben daran war. ihn an den Herzog von Burgund zu ver-
1) Molinet giebt die Stärke der deutschen Besatzung auf 800, die Chron. de Lorraine aber auf 4000 Mann an. In Anbetracht dessen, dass der Chronist selbst bei der Verteidigung von Nancy mitwirkte, verdienen hier seine Angaben grössere Beachtung. Zudem scheint ja der ganze erste Auszug der Elsässer ın den Festungen verteilt zu sein, und dann hat die Höhe jener Ziffer nichts Un- wahrscheinliches mehr.
2) cfr. die lebhafte Schilderung der Chron. de Lorraine; ob der Herzog aber in der Weise geredet hat, wie der Chronist erzählt, ist freilich recht un- wahrscheinlich. Sachlich deckt sich diese Erzählung mit derjenigen des Jean
Lud p. 22.
handeln). Es nützte dem Herzog wenig, wenn der König ihn mit orossen Ehrenbezeugungen empfing, da derselbe sich sonst sehr zu- rückhaltend zeigte und für seine früheren Versprechungen nur noch ein schwaches Gedächtnis hatte. Ludwig gefiel sich darin, den Angaben des Herzogs. als ob Karl in eigener Person in Lothringen eingedrungen wäre, keinen Glauben zu schenken: «Bei Gott, wenn ich es wüsste, ich würde in eigener Person kommen »?). Was er dann scheinbar oewährte, stand nur in geringem Verhältnis zu dem, was er versprochen: 800 Lanzen unter Befehl des Admirals von Frankreich, Bastards von Bourbon, der in allen Dingen Herzog René zu gehorchen hätte. Der arme Fürst! Er ahnte noch nicht, wie sehr er getäuscht wurde, dass dem französischen General von vornherein die Hände gebunden waren und er, wie früher der Sire de Craon, den strengen Befehl hatte, nichts zu thun! Hingegen liess es sich der König sehr angelegen sein, dem Herzog die ausgiebige Unterstützung der Niederen Vereinung zu sichern. Noch weilte die Gesandtschaft des Bundes am Hofe des Königs, und eifrig drang der König in sie, dem Herzog zu helfen. Wenn man es hieran fehlen liesse, schreibt jener Unterhändler Philipp Hirsekorn an den Grafen von Tierstein, so wäre aller gute Ruf verloren: denn der Kaiser hätte wahrlich allen Deutschen einen bösen Ruf in Frankreich erworben, und wenn Herzog Sigmund und der Bund nicht wäre, so glaubt er, würde es übel in deutschen Landen stehen; «aber wir hand noch sar ein gut lob von den gnaden gotts, daz soll man auch behalten ». Hingegen hatte der König nun auch sein schon zu Amiens gegebenes Versprechen erneuert, dass er Herzog Sigmund und den Bund in keinem Wege verlassen wolle. Wenn man erwägt, dass König Lud- wig um die nämliche Zeit den Vertrag von Soleuvre abschloss, so hat man hier ein seltenes Beispiel königlicher Doppelzüngiskeit. Was der König aber bezweckte, ist klar. Er hatte den Herzog geopfert, um sich die süsse Befriedigung seiner Rache zu erkaufen. Wenn dieser sich aber mit Hülfe des Bundes erfolgreich wehrte, um so besser! Zunächst aber musste er dafür sorgen, dass Herzog Karl nicht eher Herr des Landes würde, als bis er ihm die Person des unglücklichen
1) Die Nachrichten der Chron. de Lorraine und von Jean Lud erhalten eine sehr wertvolle Ergänzung durch den Bericht des österreichischen Unterhändlers Philipp Hirsekorn an den Landvogt Gr. Oswald v. Tierstein dat. ment. n. nativ. Mar. (Sept. 11) 1475. Colmar. St.-A. AA. nr. 72.
2) In Wirklichkeit befand sich Herzog Karl noch in Luxemburg, was Lud- wig sehr wohl wusste,
Bere ee.
Connetable ausgeliefert hatte. Deshalb stellte er dem lothringischen Herzog seine Truppen zur Verfügung; sie sollten Herzog Karl warnen, in der Erhaltung seines Versprechens nicht säumig zu sein.
Während nun Herzog René sich bei König Ludwig abmühte !), hatten sich seine Räte aufs neue am 9. September an die Niedere Vereinung um Hülfe gewandt, und Colin von Heringen war in der Lage, auf dem Tage zu Colmar, der zu diesem Zweck auf den 11. Sep- tember anberaumt war, den Bericht des lothringischen Gesandten Jean Wisse über seine Sendung bei König Ludwig vorzulegen?). Die Ver- sammlung befand sich in einer peinlichen Lage: sie konnte sich die Ereignisse nicht erklären. Wenn der Friede zwischen Frankreich und Burgund bevorstand, was hatte dann der Herzog von Lothringen, was hatten dann sie zu befahren? Wenn aber der Herzog von Burgund dennoch Lothringen angreifen sollte, so erwarteten sie, dass der König von Frankreich seinen Bundespflichten nachkommen würde, sowie sie es jetzt zu thun gedachten. Sie betrachteten Lothringen nicht anders als das Bollwerk des Elsasses; verteidigten sie dieses, so verteidigten sie sich selber. Es wurde demnach beschlossen ?), ein stattliches Heer aufzustellen, dessen Stärke‘ vorläufig auf 7000 Mann festgesetzt wurde. Herzog Sigmund sollte 2000 Mann zu Ross und zu Fuss, der Bischof von Strassburg 1000, die Stadt Strassburg 1500 Fussknechte und 500 Reiter, Basel 800 Fussknechte und 200 Reiter und endlich Colmar und Schlettstadt nebst zugewandten Reichsstädten 1000 Mann zu Fuss und zu Ross stellen. Ueber diesen Anschlag sollten die Bundesgenossen sich schlüssig machen und am 18. September in Colmar zu einem neuen Tage zusammentreten. Da sollten die Strassburger Gesandten, Herr Hans von Berse und Herr Hans von Kageneck, geltend machen, dass es nicht geraten sei, wenn der Bund allein ohne des Königs von Frankreich Volk etwas gegen die burgundische grosse Macht vor- nähme; erst wenn der König sein Heer in Lothringen hätte, sollte der Heerzug von dem gemeinen Bunde auch hinziehen, und wenn dann der Herzog von Lothringen seine Macht auch bei einander hätte, wollte man vereint den Feind angreifen und mit der Hülfe Gottes schlagen !®). 1) Jean Lud p. 22 lässt Hz. R. den König bis Dieppe geleiten; das stimmt mit den Thatsachen nicht überein.
?) Knebel p. 290 Anmerkung.
3) Der Abschied Strbg. St.-A. 261.
4) Strbg. St.-A. AA. 261. ‚Ausserdem sollten die Gesandten den Ansatz Strassburgs herabmindern. Zu mehr als 1000 Mann zu Fuss und zu Ross mit denen, die jetzt in Lothringen seien, wollte Strassburg sich nicht verstehen.
Dieser Plan Strassburgs fand Beifall, und indem man die Zustimmung Frankreichs und Lothringens voraussetzte, wurde der Auszug be- schlossen: jeder Teil der Vereinung sollte mit seiner Summe Leute zu Ross und zu Fuss um Michaelis auf der Steige liegen; !) in welcher Stärke aber, ob der ursprüngliche Anschlag beibehalten oder Abän- derungen getroffen waren, darüber lässt sich nichts sagen. Inzwischen aber hatte sich die so lange drohende Gewitterwolke entladen. Graf Campobasso war gewichen: jetzt schickte ihn sein Herzog wiederum vor und folgte selber nach.
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Der Zeitpunkt, wann der Feldzug aufs neue eröffnet wurde, lässt sich nicht genau bestimmen. Herzog Karl selbst wurde durch ein Hals- leiden?) bis zum 23. September zu Soleuvre zurückgehalten und musste daher darauf verzichten, dem Beginne des Kampfes persönlich beizuwohnen. Auch die Rüstungen, welche notwendig waren, um das völlig erschütterte Heer aufs neue für grössere Unternehmungen in stand zu setzen, waren noch nicht weit genug gediehen. Bei der geringen Anzahl von Truppen. welche Herzog René in offenem Felde zur Verfügung hatte, liess sich der Feldzug aber auch so eröffnen, und so ging der Graf v. Campo- basso aufs neue vor: um entscheidende Schläge auszuführen. musste jedoch die Hauptarmee abgewartet werden, und daraus erklärt sich der langsame Fortgang der Unternehmungen im Anfang der Kriegsereignisse ?).
‚Nachdem, wie es scheint, Ende Ausust Conflans und andere kleinere Plätze gefallen waren, hatte sich der Graf von Campobasso etwa am 8. September vor Briey gelegt. Die Stadt, in gleicher Ent- fernung von Diedenhofen und Metz gelegen, verteidigte sich anfangs mit Tapferkeit: als aber Herr Gerhard d’Avilliers die Hand durch einen Schuss verloren hatte und die Vororte erstürmt worden waren, verlor die Bürgerschaft den Mut und drang auf Uebergabe. So geschah es: ihr wurde gegen eine Brandschatzung von 12000 Gulden *) Gnade gewährt. und auch die Edelleute, welche geholfen hatten, die Stadt zu verteidigen, kamen mit heiler Haut davon. Anders aber wurde es mit der Schweizer Besatzung gehalten. Sei es aus Liebedienerei gegen Herzog Karl, dessen
') Da die Steige nicht näher benannt ist, muss man wohl an die Zaberner denken.
?) Molinet 149.
°) Erst am 13. September wurde das Lehnsaufgebot des Herzogtums Luxem- burg einberufen. Publications 1.c. 130.
*) Chroniques de Metz_419,
Hass gegen die Deutschen und vor allem gegen die Schweizer der Neapolitaner wohl kannte, sei es, weil er bestimmte Verhaltungsmass- regeln hatte, indem es galt, die fremdländischen Söldner einzuschüchtern, dass sie nicht für eine Sache fochten. welche sie vom burgundischen Standpunkt!) nichts anging: genug, der Graf von Campobasso liess die 80 Mann allesamt aufknüpfen.?) Wann die Uebergabe erfolgte, lässt sich nicht näher bestimmen; jedenfalls kam jetzt zunächst wieder Still- stand in die Bewegungen der Burgunder. Gleichzeitig hatte der Bastard von Burgund in Oberlothringen den Feldzug eröffnet, und da ihm keine nennenswerten Streitkräfte gegenüberstanden, konnte er leichte Erfolge erzielen und eine Reihe fester Plätze wie Darney und Bulgnéville er- obern; weiter vorzudringen und dem Herzog die Hand zu reichen, musste er sich allerdings versagen, da er sowohl die Franche-Comté gegen die Eidgenossen als auch die Herzogin von Savoyen gegen Frankreich zu decken hatte. Der Erfolge des kurzen Feldzuges war aber immer- hin der gewesen, dass auf dieser Seite der Weg durch Lothringen nach Burgund frei geworden war?).
Endlich konnte Herzog Karl selbst den Oberbefehl über- nehmen*). Der Marsch führte ihn über Bassompierre, wo er am 25. Sep- tember übernachtete, nach Gorze, das ihm anfangs den Eintritt ver- sagte. Als aber der Herzog in seiner gewohnten Weise bei St. Georg drohte, die Stadt niederzubrennen, wurden ihm endlich die Thore ge- öffnet. Am folgenden Tage marschierte er an Preny vorbei, woraus er Feuer erhielt, auf Pont-a-Mousson. Dieser wichtige Platz, auf dessen Behauptung Herzog René grossen Wert gelest hatte, war geräumt: die elsässische Besatzung war bereits vor 8 Tagen ohne Urlaub ab- gezogen und hatte so den anvertrauten Posten schmählich in stich gelassen. Zu Pont-a-Mousson konnte nun endlich der Prinz v. Tarent zu ihm stossen, nachdem ihm beinahe ein halbes Jahr durch die elsäs- sischen und lothringischen Streitkräfte der Weg versperrt worden war.)
1) Die Darstellung der Chron. de Lorraine, welche Herzog Karl selbst Briev belagern lässt, ist ungenau. Dem widerspricht nicht bloss das mehrfach zitierte Reisejournal, sondern auch die bestimmte Angabe von Molinet.
2) Vielleicht hat man in dieser barbarischen Handlungsweise eine Vergel- tungsmassregel zu sehen für die Art und Weise, wie die Schweizer in der Waadt sehaust hatten.
3) efr. die Berichte von Guillaume de Rochefort aus dem Lager vor Darnev an die Herzogin v. Savoyen am 5. September bei Gingins 1, 224, von Appiano an den Herzog von Mailand I. c. p.228 und endlich einen zweiten eingehenden Be- richt von Rochefort an die Herzogin vom 17. September I. ce. 242 ff.
#4) Für das Folgende neben der Chron. de Lorraine hauptsächlich Molinet.
5) Ueber seinen offiziellen Empfang mit üblichem burgundischen Pomp cfr. Molinet 1, 150.
Es war kein gutes Zeichen für die Kriegführung der lothringischen Hauptleute in Nancy, dass der Prinz mit etwa 600 Pferden und 76 Maultieren sowohl ungefährdet in der Nähe übernachten, als auch am anderen Morgen früh, ohne beschossen zu werden, fast unter den Ka- nonen von Nancy in der Richtung auf Metz vorbeiziehen konnte. !) Mit der Abreise des Herzogs hatte eben jede einheitliche Kriegsführung aufgehört, und es zeigte sich, dass der Herzog keinen schlechteren Ent- schluss hatte fassen können, als selbst seine Sache aufzugeben und sich auf andere zu verlassen. Am 29. September brach Herzog Karl mit dem Prinzen von Pont-a-Mousson auf und marschierte in der Rich- tung auf Nancy bis Condé an der Mosel, welchen Platz er dem Sohne des Grafen von Campobasso schenkte. Am 30. September führte den Herzog der Marsch an Nancy vorbei. Die Armee marschierte in voller Schlachtordnung: die Besatzung stand auf den Wällen und begrüsste die vorbeiziehenden Burgunder mit Feuer, ohne Schaden anzurichten, waste aber nicht, den Feind in seinem Marsch aufzuhalten. Der Herzog machte an diesem Tage in Neufville zwischen Nancy und St. Nicolas halt und benutzte die Gelegenheit, um am folgenden Tage, dem 1. Ok- tober, eine Wallfahrt nach St. Nicolas zu machen.
Für die folgenden Tage kam einiger Aufenthalt in den Siegeslauf, den der Herzog bis dahin durch Lothringen genommen hatte, denn es waren Nachrichten gekommen, wonach es schien, als ob der Weiter- marsch nicht so ungestört von statten gehen sollte. Herzog René nahte mit einem französischen Heere. Nicht so rasch wie er gedacht hatte, konnte er seinem Lande zu Hülfe kommen; mit süllem Grimm musste er zusehen, wie eine Stadt nach der anderen eine leichte Beute des Siegers wurde. Am 20. September war er in Bar und konnte von hier aus seinen elsässischen Bundesgenossen endlich verkünden, dass er mit einem stattlichen Haufen Reisiger und Bogenschützen unterwegs wäre, sein Land zu entsetzen; spätestens bis zum 23. September würde er seine Streitmacht an der Maas beisammen haben, und so bat er nun auch die Vereinung, die ihrige zu Ross und zu Fuss mit ganzer Macht ihm zuzuschicken. Es dauerte aber doch etwas länger, um den Admiral von Frankreich ?) vorwärts zu bringen. Immerhin hatte die Kunde von dem Herannahen des Landesherrn zunächst die Wirkung, dass Charmes und Dompaire in der Hoffnung auf baldigen Entsatz sich durch
1) Auch hier zeigt sich die Chron. de Lorraine wieder recht ungenau, indem sie den Prinzen nach dem Herzogtum Luxemburg ziehen und dort erst den Herzos treffen lässt.
2) Nicht Odet d’Aydie, wie Digot p. 259 sagt.
Herrn Jean Wisse ermutigen liessen. den Burgundern Widerstand zu leisten. Wirklich kam Herzog Rene: das französische Hülfsheer zählte gegen 800 Lanzen, und König Ludwig selbst hatte sich nach Verdun begeben, um dem Gang der Ereignisse näher zu sein. Die beider- seitigen Streitkräfte hielten jetzt in grosser Nähe; Herzog René lagerte nicht ganz drei Stunden entfernt, um Haroué, Ormes und Lemainville. Vergebens aber versuchte er jetzt, den Admiral zu bewegen, die Feind- seliekeiten gegen die Burgunder zu eröffnen. Der Bastard von Bour- bon that es nicht anders wie der Sire de Craon: er schützte den Be- fehl des Königs vor, der ihm verbot, weiter vorzudringen !). Inzwischen erschienen am 2. Oktober französische Gesandte zu Neufville im bur- sundischen Lager ?): sie verlangten die Auslieferung des Connetable. Herzog Karl hatte sich bis dahin mit der Hoffnung getragen, wenn es ihm gelänge, in raschem Siegeslauf Lothringen zu erobern, sich jener schmachvollen Bedingung des Vertrages von Soleuvre entziehen zu können. Jetzt mochte er sich drücken und winden so viel er wollte; wenn er nicht die Franzosen auf seinem Weg in Lothringen finden wollte, blieb ihm nichts anders übrig, als dem Vertrage nachzukommen. Er stellte die entsprechende Vollmacht aus, gab aber insgeheim gleich- zeitig die Weisung, die Auslieferung von St. Pol möglichst lange zu verzögern, indem er sich noch immer mit dem stillen Hintergedanken trug, sich seiner Verpflichtung durch eine baldige Eroberung Lothringens zu entziehen. Sobald aber der König hatte, was er wollte, sandte er sofort einen Herold zu dem Admiral und gebot ihm bei Strafe des Hochverrats, sofort mit seinem Heere nach Frankreich zurückzukehren.
Selten befand sich ein Fürst in peinlicherer Lage als Herzog Rene. Die Entschlossenheit fand er nicht, dass er sich jetzt nach Nancy warf und wie Herrmann von Hessen zu Neuss sich jetzt in seiner Landeshauptstadt bis auf den letzten Mann verteidigte. Er folgte dem französischen Heere und begab sich zunächst auf sein Schloss Joinville, eine bessere Wendung der Dinge erharrend.
Damit fiel auch der Feldzug der elsässischen Verbündeten ins Wasser, nachdem auch sie von dem König in der gröbsten Weise ge- täuscht worden waren. Der auf den 29. September angesetzte Kriegs- beginn war auf Antrag von Basel und dem Landvogt Grafen v. Tierstein auf den 3. October verschoben worden, weil indessen die Gesandten vom französischen Hof zurückgekehrt waren und man zuvor noch
1) Lud p. 22.
2) Reisejournal bei Lenglet II, 218.
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deren Bericht vernehmen wollte). Was dieselben dann auf einem zu diesem Zweck nach Colmar auf den 28. September anberaumten Tage vorbrachten, lautete nun ja recht tröstlich, aber diese ruhigen, ver- ständigen Männer mussten sich doch die Frage vorlegen, wie denn solche Worte des Königs mit seinen Thaten übereinstimmten. Vielleicht sollte eine französische Gesandtschaft, welche am 1. October zu Col- mar erschien ?), diese Zweifel zerstreuen. Wie es heisst, war ihre Auf- cabe, einen Frieden zwischen den Verbündeten und dem Herzog von Burgund zu vermitteln; wenn dieses aber nicht gelänge, sollte ein Feldzugsplan wider Karl den Kühnen verabredet werden. Ein Friede war bei dem Standpunkt des Herzogs nicht möglich; die Verheissungen des Königs konnten aber nur dazu ermutigen, einen neuen Waffengang zu versuchen. Der Feldzug wurde also unternommen: in welcher Stärke. lässt sich freilich nicht genau feststellen. Jedenfalls war aber der Auszug nicht so stark, wie er seinerzeit veranschlagt worden war. Ziel des Marsches war zunächst Baccarat, wohin die einzelnen Truppen- teile auf verschiedenen Wegen gelangten. Die Mannschaften von Bi- schof und Stadt Strassburg brachen nebst andern Bundesgenossen am festgesetzten Tage auf und zogen auf dem alten Wege nach ihrem Bestimmungsort, den sie am 4. October erreichten. Basels Streit- macht, 600 Knechte und 50 Reiter, brach am 6. October auf; das Fussvolk fuhr zu Schiff bis Breisach, während die Reiter natürlich den Landweg einschlugen: darauf ging es über den Pass von Kavysersberg und den Col du Bonhomme auf St. Die zu, während die österreichi- schen Truppen den Weg über den Col de Bussang gewählt hatten ?).
Gleichzeitig aber sah sich die Vereinung nach anderweitiger Hülfe um. Wenn der Kaiser auch im Geheimen seinen Neffen Herzog Sigismund und die Vereinung Karl dem Kühnen preisgegeben hatte, so hatte er sich doch vor der Welt dem durch eine Gesandtschaft gestellten Ansinnen nicht entziehen können und am 23. September ein Aus- schreiben in das Reich erlassen, worin er bei Verlust aller Gnaden, Freiheiten und Privilegien die benachbarten Reichsstände aufforderte, Hülfe zu leisten, wenn sie vom Herzog von Lothringen oder denen, die Karl von Burgund mit Krieg überzogen, mit diesem seinem kaiser- lichen Brief um Hülfe gemahnt würden). Er verhiess ausserdem eine Botschaft ins Reich zu senden, um zum Beistand wider Burgund auf-
1) Colmar. St.-A. AA. nr. 153.
2) Knebel p. 298.
®) Knebel p. 299.
*) Janssen, Frankfurt. Reichstagskorrespondenz II, 1 p. 365. Knebel p. 304.
zufordern. Das unterblieb; hingesen schickte der Kaiser seine Ge- sandten!) an Herzog Karl von Burgund, nicht etwa um ihn aufzufordern, den Boden des Reichs zu verlassen, sondern um die Verhandlungen über die Heirat seines Sohnes Maximilian mit der Prinzessin Maria von Burgund zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. So war es kein Wunder, dass sich im Reiche niemand zur Hülfe regte; die Erfahrungen vor Neuss waren noch in zu frischem Gedächtnis. Inzwischen aber harrte das Heer der Vereinung bei St. Die und Baccarat der kommenden Dinge. Da war aber nichts von Lothringern und Franzosen zu sehen und zu hören. Vergebens hofften die Hauptleute auf Kunde, wo sie sich mit den Lanzen des Königs vereinigen sollten, während der burgundische Herzog, ohne nennenswerte Gegenwehr zu finden, einen Platz nach dem andern eroberte; und nicht ohne Grund dünkte es den Hauptleuten, dass die Lothringer «schimpflich zu den Sachen handelten ».
Nachdem Herzog Karl vor den Franzosen gesichert war, hatte er sich wider Bayon gewandt, das sich ihm ohne Schwertstreich ergab. Das benachbarte Schloss St. Germain wurde hingegen erstürmt und die Schweizer Besatzung gehängt. Gleichzeitig wurden durch kleinere Abteilungen Orme, Vezelise und Mirecourt ohne Schwierigkeit zur Unterwerfung gebracht. Schwer musste es hingegen das unglück- liche Charmes büssen, dass es sich auf die erste Aufforderung nicht ergeben, ja auf sein Heer gefeuert, als dieses die Mosel überschritt und den Herzog selbst in grosse Gefahr gebracht hatte. Am 7. Oktober lagerte sich der Herzog davor. Die Belagerten gedachten, um dem burgun- dischen Heer die Annäherung zu erschweren, Feuer in einen Vorort zu legen; aber der Landvogt von Brabant erstürmte denselben noch zeitig mit 1100 Mann. Am folgenden Tage ergab sich die Stadt auf Gnade und Ungnade dem Sieger. Karl zeigte auch hier wieder, wie sein Sinn mehr und mehr verwilderte und er im Uebermass des Hochmutes edlerer Regungen überhaupt nicht mehr fähig war. Das Entsetzen über die That von Briey schien verflogen zu sein; es galt aufs neue, die Bewohner Lothringens abzuschrecken, dass sie nicht wagten, Haus und Herd zu verteidigen. Er verurteilte die Besatzung, 40 Gascogner mit ihrem Anführer, dem kleinen Picard, zum Tode durch den Strang. Ein Augenzeuge erzählt uns den grausigen Vorgang: Herr Wilwolt von
1) Den päpstlichen Legaten Bischof Alexander v. Forli und den kaiserlichen Geschäftsträger und späteren Kardinal Georg Hesler. Der Bischof kam am 26. September durch Metz. Chroniques de Metz p. 420. Instruktion für beide vom 28. September im Strassburg. St.-A. AA. 180.
Schauenburg. der im Heere Karls seine ersten Sporen verdiente und später einer der hervorragendsten Feldhauptleute Maximilians von Oestreich in den Niederlanden !) wurde.
Da der Henker zu wenig waren, so sicherte Herzog Karl zwei Gefangenen das Leben, wenn sie den Henkern helfen wollten. Von ihnen war einer ein junger Geselle, und es fügte sich, dass er seinen eisenen Herrn, welcher der oberste Kapitän in Charmes gewesen, hängen sollte. Davon hatte der Knecht grosse Beschwerde, und er bat seinen Herrn, zu versuchen, ob er sich nicht retten könnte. Der aber antwortete: ich muss sterben, darum will ich lieber von dir den Tod erleiden. damit du dein Leben rettest, als von einem andern. So richtete der Knecht seinen Herrn, und als er ihn abstossen wollte, bat er ihn um Verzeihung und nach dem Abstossen trat er ihm auf beide Achseln, damit der Strick desto härter zuging und sein Herr der Marter um so eher entledigt würde. Die Hinrichtungen verzogen sich aber so lange, dass man bis 11 Uhr in die Nacht hinein bei Stablichtern und Schauben hängen musste. Graf Bernhard von Helfenstein, Herr Hans von Mink- witz und Wilwolt von Schauenburg hatten sich zusammen « gelosirt » und ihr Zelt unter einem Baum aufgeschlagen; an demselben wurden auch 37 gehangen, ein Teil so niedrig, dass, wenn jene aus- und ein- singen, sie sich bücken mussten, um nicht an der Gehängten Füsse zu stossen. Es brach auch ein Ast des Baumes, sodass die Füsse der Gehänsten in das Zelt ragten, ohne dass sie wagten, dieselben weg zu thun: der Herzog Karl war ein so strenger, gefürchteter Herr, dass niemand solches ohne seine Erlaubnis thun durfte. Ebenso roh und orausam verfuhr der Herzog gegen die unglücklichen Bürger. Ihre Stadt wurde verbrannt, sie selbst waren Gefangene und mussten sich ihre Freiheit gegen hohe Summen kaufen. Traurig war es, dass die Be- wohner der dem Sire de Neufchätel gehörenden Nachbarstadt Chätel auch jetzt ihren Hass nicht zurückdrängen konnten und mit den Bur- oundern wetteiferten, die Habe der Bürger zu plündern und fortzu- schleppen. Es war ein furchtbares Wahrzeichen, wie dieser Fürst es ahndete, wenn eine Stadt wagte, die Treue dem angestammten Herrn zu bewahren.
à) Er hat seine Thaten selbst beschrieben, efr. Bibliothek des literarischen Vereins zu Stuttgart Bd. 50 p. 29. Nach Schauenburgs Erzählung müssen mehr als 40 sehängt sein. Molinet’s Erzählung ist abweichend. Er beziffert die Zahl der Gehängten auf 24, und zwar wäre in Abwesenheit des Henkers von St. Germain der Page des Kapitäns Jean de Barre gegen Zusicherung seines Lebens gezwungen worden, dieselben zu hängen. Als er das bei 6 Leuten, unter denen sein Herr war, be- sorgt hatte, wäre der Henker hinzugekommen und hätte die übrigen gehängt.
Am 10. Oktober zog der Herzog von dieser Stätte des Jammers segen Dompaire, das seinen anfänglichen Widerstand ebenfalls mit der Zerstörung der Stadt und Gefangennahme der Bürger teuer büssen musste; da die Stadt keine Besatzung hatte, gab es hier für den Henker nichts zu thun. Die Landbevölkerung hatte aber inzwischen die Zeit benutzt, um sich mit ihrer Habe allenthalben zu flüchten, und so fanden die Burgunder beim Weitermarsch auf Epinal weder zu essen noch zu trinken, sodass sie grossen Mangel zu leiden hatten; mancher hatte in drei Tagen keinen Bissen Brot und musste sich mit Weinbeeren begnügen, woraus Most gemacht wurde. Unterwegs entsandte Karl einzelne Ab- teilangen, welche das Land bis zu den Vogesen in Besitz nehmen sollten. Bruyeres, das noch einigen Widerstand leistete, wurde zerstört; das erregte einen solchen Schrecken, dass die übrigen Hauptplätze Arches, Remiremont und St. Die dem Herzog ihre Unterwerfung antrugen, welcher darauf von ihnen den Treueid entgegennahm.
Der Herzog selbst war am 14. Oktober vor Epinal angelangt ?) und glaubte nicht anders, als dass bei dem Schrecken, der vor ihm herging, auch diese Stadt sich sofort ergeben würde. Darin hatte er sich getäuscht; die Einwohner kannten jenen Vertrag, den der Herzog mit dem Bischof von Metz geschlossen hatte, und hatten keinerlei Lust wieder bischöflich zu werden. Sie waren zu thatkräftiger Verteidigung entschlossen, zumal sie auf Entsatz glaubten rechnen zu dürfen, und das bedeutete etwas, da die Stadt an Grösse wohl Naney übertraf und an 15000 Einwohner zählte. Der Platz war stark befestigt und stand unter dem Befehl des Bastards von Vaudémont; die Besatzung zählte 1200?) Mann, darunter 500 elsässische Fussknechte unter Führung des kraftvollen Wilhelm Herter, des bewährten Feld- hauptmanns von Herzog Sigmund, die noch gerade zur rechten Zeit hineingelangten. Schlimm war es nun aber, dass der oberste Anführer nicht im stande war, böse Reibungen innerhalb der Besatzung zu unler- drücken. Die Deutschen waren wie die Bürgerschaft gewillt, den Platz zu behaupten; die Lothringer und Gascogner Söldner hingegen fürch- teten den Zorn des Siegers und wünschten die Stadt zu übergeben. Einst- weilen aber wurden die Angriffe der Burgunder kräftig zurückgewiesen. Ein Versuch, gleich bei der Ankunft durch einen Handstreich den Platz zu gewinnen, endete mit einem entschiedenen Misserfolg. Da- seven gelang es noch in derselben Nacht 400 Lanzen der Burgunder unter Führung von Herrn Reinhold v. Brochusen und Herrn Jehan de
1) efr. über Epinal neben den schon angebenen Quellen auch Knebel p. 309. 2) Molinet zählt 800.
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Langueval, sich in einem Teil der Vororte festzusetzen, ehe dieselben vom Feuer zerstört waren. Minder glücklich waren die Lombar- den, welche zurückweichen mussten, und zornig liess Karl ihrem Hauptmann Troylo sagen, er würde ihm den Kopf abschlagen lassen, wenn er die verlorene Stellung nicht wieder gewänne. Wohl oder übel musste der Herzog jetzt zu einer regelrechten Belagerung schreiten. Er liess einen Theil der Armee die Mosel überschreiten, um die Stadt vollständig einzuschliessen. In der Stadt änderte sich aber unter dem Ernst der Belagerung die Stimmung. Die Bürgerschaft musste wohl vernommen haben, dass auf Entsatz keine Hoffnung war, und die Lothringer und Gascogner Söldner verweigerten ihre Mitwirkung bei der Verteidigung. Unter diesen Umständen musste auch Herr Wil- helm Herter auf die Sicherheit der Seinen bedacht sein und willigte ein, dass mit dem Herzog wegen der Uebergabe verhandelt wurde. Einer der Stadträte bestieg den Wall und rief mit lauter Stimme, dass die Stadt bereit wäre, sich auf günstige Bedingungen zu ergeben. Karl aber, einerseits in Erwägung, dass die Stadt noch längere Zeit mit Er- folg Widerstand leisten könnte, anderseits aber von dem Wunsche beseelt, diesen bedeutenden Platz. den er bereits als seinen eigenen ansah. möglichst unversehrt in seine Gewalt zu bringen. zeigte sich geneigt und bewilligte die verlangten Bedingungen. Die Besatzung er- hielt freien Abzug mit ihrer Habe: die Stadt aber unterwarf sich dem Herzog als ihrem Herrn unter Vorbehalt ihrer Privilegien. Der Bi- schof von Metz, der sich im Heere befand. schied missmutig von dannen; er konnte die Lehre mit sich nehmen, dass es nicht gut ist, mit dem Löwen auf Jagd zu gehen. Am 19. Oktober hielt der Herzog seinen Einzug in die Stadt, wobei, um die Bürger zu blenden, der übliche burgundische Pomp entfaltet wurde. Das hielt sie aber nicht ab, wie der Chronist sagt, im Herzen gute Lothringer zu bleiben, wenn sie auch Karl den Eid der Treue geleistet hatten. Unstreitig wäre es besser gewesen, die Lothringer hätten ihre Treue nicht bloss im Herzen getragen, sondern sie auch mit ihren Fäusten und mit Wehr und Waffen an den Tag gelegt. Bei der Vereinung musste die Uebergabe von Epinal, in Anbetracht der Umstände, unter denen sie erfolgt war, den allerschlechtesten Eindruck machen; seitdem ver- traute man weder dem König von Frankreich noch dem Herzog von Lothringen. !)
Wenn Karl von Burgund nichts anderes beabsichtigt hatte, als die gestörte Verbindung zwischen seinen Staaten zu eröffnen, so hatte
1) Knebel l'AC:
He Qi =
er sein Ziel erreicht. Jetzt aber trat er am 21, October den Marsch auf Nancy an, um auch diese Stadt zu gewinnen. Auf dem Rückweg beeilten sich diejenigen Städte, welche noch nicht burgundisch waren, ihm von nah und fern ihre Unterwerfung anzukündigen. Liverdun, Neufchäteau, Chätenoy, Gondreville ergaben sich ohne Schwertstreich teils dem Herzog selbst, teils den dazu ausgesandten Abteilungen ; selbst das feste Vaudemont, das so oft dem Feinde Trotz geboten hatte, ergab sich unter einem fremden Befehlshaber auf die erste Auf- forderung am 21. October dem Sieger, und der Sire de Bièvres nahm den Huldigungseid der Bewohner entgegen. Das Beispiel der Hauptstadt zog die Uebergabe der ganzen Grafschaft nach sich. Zu Vaudemont hielt Karl zwei Rasttage, nahm darauf am 23. Oktober sein Nachtlager zu Pont-Saint-Vincent bei Nancy und erschien am 24. vor den Thoren der Landeshauptstadt. Die Städte, welche nicht gerade auf seinem Weg lagen, warteten überhaupt nicht ab, bis sie die Burgunder zu Gesicht bekamen. Lunéville, Einville und Rozieres erbaten sich durch ihre Ge- sandtschaften die Gnade des Siegers, und Karl, welcher niemals ver- säumte, dem Grafen Campobasso Beweise seiner Huld zu geben, machte ihn zum Burgherrn von Rozieres. Ebenso ergaben sich Raon-l'Etape, Deneuvre, Gerbeviller. Baccarat, das für seinen Widerstand schwer bestraft wurde, erhielt als wichtiger Strassenknotenpunkt eine Besatzung von 200 Lanzen.
So rückte jetzt der Feind auch dem deutschen Lothringen immer näher. Anfangs hatte man hier die Absicht !), dem Gegner Widerstand zu leisten; in den endlosen Wäldern wurden Verhaue errichtet, und das Aufgebot aus der deutschen Vogtei, der Grafschaft Saarwerden und den Herrschaften Finstingen und Bitsch sollte sich zu Hytkingen ?) in einem Lager zusammenlinden, um diese Wehren zu verteidigen : aber der Plan kam nicht zur Ausführung, und eine Abteilung des burgundischen Heeres konnte ohne Schwertstreich die Unterwerfung zunächst der deutschen Vogtei entgegennehmen. Nur Dieuze schien noch einige Schwierigkeiten machen zu wollen. Hier berief Herr Colin v. Heringen die Bürgerschaft auf die «halde» und stellte ihr die Lage vor. «Unser gnädiger Herr von Lothringen ist von dem König verraten und verkauft, und es ist der Wechsel gemacht, dass der König meinen Herrn von Lothringen dem Herzog von Burgund
1) Egenolf von Lützelburg, Statthalter zu Saarburg, an Bischof Ruprecht dat. Zinst. v. Simon. Strbg. St.-A. AA. 283.
2) Den Ort habe ich nicht bestimmen können. Herr Dr. Wolfram macht mich aufmerksam auf Ueckingen a. d. Mosel, s. von Diedenhofen.
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überliefern und überantworten soll; dagegen soll der Herzog von Burgund den Konstabel dem König ausliefern, und da ist kein Trost von niemand mehr. Darum prüfe jedermann sein Bestes und bedenke, wo er bleiben möge». Die Stadt hätte sich am liebsten in den Schirm des Bischofs von Metz begeben. Der aber erwartete von der Gunst des Herzogs jetzt doch wenigstens Saarburg zu erlängen und wollte sich auf diesen zweifelhaften Gewinn nicht einlassen. Als die Botschaft der Stadt mit ablehnender Antwort vom Bischof heimkehrte, entstand zuerst eine grosse Bewegung unter der Bürgerschaft, und etliche wollten lieber abwarten, was ihnen Gott verliehe, ehe sie burgundisch würden). Das hinderte aber nicht, dass die Stadt dem Herrn von Flersheim, den Karl zu seinem « dütschen Behliss »?) ernannt hatte, am 28. October den Treueid leistete *). Am 30. October ergab sich auch Lützelburg, zwischen Saarburg und Zabern gelegen, an Burgund, ein ernstes Mahn- zeichen für die Vereinung, wohin die Absichten des Herzogs gingen ®). Nur noch Saarburg und die Herrschaft Bitsch hielten zu ihrem ange- stammten Herrn, doch auch Saarburg war in seiner Haltung schwankend geworden°). Der «Schrecken von Bergarten» war hier den Bür- gern in die Glieder gefahren, und sie «gingen als Irrleute, die nicht wissen woher oder wohin». Alle Städte ausser Nancy hatten sich ergeben, und wenn der allmächtige Herzog Saarburg belagern liess, sollte da die Stadt wohl wagen dürfen, Widerstand zu leisten? Diese Stimmung benutzte kluger Weise der Bischof von Metz und sandte am 28. Oktober seinen Hofmeister Heinrich Holzapfel an die Stadt und forderte sie auf, sich ihm mit all der Herrlichkeit zu ergeben, so der Herzog von Lothringen da gehabt hätte, so wolle er sie schirmen und sie bei ihrem alten Herkommen belassen. Es gab in der Stadt eine kleine, aber mächtige Metzer Partei, und unter deren Einfluss war die Bürgerschaft allerdings unter gewissen Bedingungen bereit, diesen Aus- weg zu ergreifen: der Bischof sollte die Schulden der Stadt be- zahlen, und wenn Herzog Rene wieder zu seinem Lande käme, die Stadt gegen Erstattung der Kosten an den ursprünglichen Herrn zurück- geben. Darauf wollte der Bischof nicht eingehen, aber von anderen Bedingungen wollte die Stadt nichts hören. Gleichzeitig hatte auch der
1) Strbg. St.-A. AA. 276.
2) Behlis = bailli.
#) Hans Hiserlen an Junker Claus Renner. Egenolf v. Lützelburg Statt- halter, Schultheiss und Rat von Saarburg an Strassburg. Strbg. St.-A. AA. 283.
*) Bi. Rupr. an Strbg. AA. 281. 5) Ueber die Haltung Saarburgs handle ich nach dem Faszikel AA. 283 im Strbg. St.-A., ohne noch weitere Zitate zu geben.
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heue «dütsche Behliss» v. Flersheim Saarburg zur Huldigung aufge- fordert. Die Stadt war in übler Lage. Die grosse Mehrheit der Bürger- Schaft wollte weder metzisch noch burgundisch werden; nur der Statt- halter Egenolf v. Lützelburg, Volmer Hans und andere von den reicheren Bürgern wären wohl geneigt gewesen das Kleid zu wechseln, da sie Gefahr liefen, ihre anderweitigen Besitzungen sonst zu verlieren. Wenn Saarburg aber seinem Landesherrn die Treue bewahren wollte, musste es sich stark in Rüstungen werfen. Dazu fehlte es der schwer verschul- deten Stadt an Geld. Auf der anderen Seite hatte sowohl Strassburg als auch Bischof Ruprecht ein grosses Interesse daran, dass Saarburg nicht in burgundische Hände geriet, und so legte Strassburg im Ein- verständnis mit der Bürgerschaft nicht nur eine Besatzung unter Befehl des Herrn Hans v. Kageneck in die Stadt, sondern als Hauptgläubigerin bewies sie ihr auch eine weitgehende finanzielle Schonung. So blieb denn Saarburg zunächst noch dem Herzog René gerettet‘). Sonst aber befand sich jetzt das ganze Herzogtum ausser dem eng umlagerten Nancy in Händen Karls von Burgund, und von den grossen Lehns- trägern waren es nur die Herren von Bitsch und die Grafen von Saarwerden und Saarbrücken, die sich noch nicht unterworfen hatten. Dass aber bei der beispiellosen Art und Weise, wie sich, eigentlich ohne Schwertstreich, die Unterwerfung des ganzen Landes vollzogen hatte, die Menschen stutzig wurden, dass man nicht bloss im Elsass Verrat murmelte, beweist das Schreiben des Grafen Jakob von Saarwerden an Strassburg vom 28. Oktober, worin er die Stadt auf- forderte, mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen wider den Herzog von Lothringen, welcher burgundisch geworden wäre ?).
Auch der Feldzug, den die Elsässer vergeblich nach Lothringen gemacht hatten, konnte zu denken geben. Nach dem Ausmarsch war zunächst eine gewisse Beruhigung in den Gemütern eingetreten: man musste abwarten, was geschehen würde, wenn die Elsässer erst ihre Vereinigung mit den Franzosen und Lothringern, wie beabsichtigt, voll- zogen hatten; aber Tag für Tag verstrich, von dem Herzog von Loth- ringen oder den französischen Streitkräften kam keine Nachricht, und das Heer der Verbündeten stand wie festgebannt zu St. Die und Baccarat?):
1) Die ferneren Schicksale Saarburgs gelangen in der Fortsetzung dieser Arbeit zur Besprechung.
?) Strbg. St.-A. IV. 70. Auch in den Schweizer Archiven finde ich jetzt, dass namentlich Bern seiner Verwunderung über den rätselhaften Hergang der Dinge Ausdruck gibt.
3) cfr. die Berichte der Strassburger Hauptleute Philipp v. Mülnheim und
Hans von Berse vom 12. und 14. October und der Baseler Hauptleute Veltin von Nuwenstein und Lienhart Grieb vom 12. October. Strbg. St.-A. AA. 274.
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«wo unser herr von Lothringen ietz si, leben oder dot, des haben wir kein wissen, sunder in etlichen wochen nochdem er von unserm herren, dem künige von Franckenriche, ussgevertiget was 'sithar ist nie kein . eigentlich botschaft von ime noch von sinem helfenden volke gehört». Freilich, es war auch jede Verbindung unterbrochen, und die elsässi- schen Hauptleute konnten nicht wissen, welcher Handel sich zwischen dem König von Frankreich und Herzog Karl abgespielt hatte. Hingegen mussten sie täglich vernehmen, wie reissend sich der Burgunder aus- breitete und wie ihm ohne Schwertstreich Städte und Schlösser ihre Thore öffneten. Endlich kam es etwa um den 12. October zu Styffe ®) zu einer Zusammenkunft mit dem lothringischen deutschen Landvogt und dem französischen Landvogt von Sens, und hier wurden allerdings verschiedene Möglichkeiten erörtert?). Würde Herzog Karl gen Epinal ziehen, so wollte man die zur Verfügung stehenden Streitkräfte um Ramberviller, Gerbeviller, Bayon und Charmes sammeln und Proviant anhäufen um Nancy, St. Nicolas, Rozieres, Luneville, Einville und den benachbarten Orten. Man wusste also nicht einmal, dass die meisten jener Plätze bereits in der Gewalt des Herzogs waren. Und da ferner beschlossen wurde, wenn der Herzog in seinem Lager bliebe, — wor- unter man dasjenige von Neuveville zu verstehen hat, — oder sich zurückzöge, dass man dann sich zunächst in der lothringischen Land- vogtei Vogesen behaupten wollte, so kann man daraus schliessen, dass von den weiteren Ereignissen noch nichts bekannt geworden war. Es ist daher auch zwecklos, die weiteren Beschlüsse hier anzuführen, da sie aus derselben Unkenntnis der Dinge hervorgingen und ohne Folgen bleiben mussten. Selbst wenn die Landvögte die volle Wahrheit wussten, so handelten sie von ihrem Standpunkt am besten, wenn sie den Elsässern dieselbe verhehlten. Die Strassburger Hauptleute musste es aber natürlich befremden, dass man sich nun auf lothringischer und französischer Seite in tiefstes Stillschweigen hüllte, und so war das einzige, was aus diesen Verhandlungen heraus kam, dass 500 Fuss- knechte unter Wilhelm Herter nach Epinal abgesandt wurden, die den Fall dieses Platzes doch nicht verhüten konnten.
Um dieselbe Zeit war es, wo der Stadt Strassburg von Dieuze ein anderer Plan unterbreitet wurde, ob die Vereinung nicht ohne die Franzosen im Verein mit Herzog René etwas wider die Burgunder?) zu stande bringen könnte. Da handelte es sich nun zunächst darum, den
1) Den Ort habe ich nicht bestimmen können. Ein Lesefehler ist ausgeschlossen.
2) Strbg. St.-A. AA. 261 und 279.
?) Der Plan (AA. 261) übersandt von Strbg. an die Hauptleute in der loth- ringischen Reise am 15. Oct. AA. 275.
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Herzog René aus der «Frankricher» Händen zu bringen, und es schlug der Gesandte von Dieuze vor, da der ganze Mosellauf von Remiremont bis Chätel in burgundischen Händen wäre, ob nicht ein Trupp Reiter entweder über Epinal oder über Rixingen und Dieuze nach Nancy und von da nach Toul durchkommen könnte; vielleicht auch vermöchte Herzog Ren& oberhalb Remiremont die Mosel zu überschreiten und den Deutschen die Hand zu reichen. In diesem Fall wäre der Fürst durch Observanten- mönche in B